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Regional „Der letzte Jollyboy“
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15:24 10.08.2018
Regisseur Hans-Erich Viet (links) und Protagonist Leon Schwarzbaum. Quelle: r
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Rittmarshausen

Er wohne teils in Ostfriesland nahe des Dollart, teils in Berlin. Göttingen kenne er aber auch, sagt Viet. Am Hessenkolleg habe er auf dem zweiten Bildungsweg den Abschluss nachgeholt und für die Deutsche See Fisch ausgefahren. Und mit dem Motorrad sei er auch in Göttingen gewesen. Viet zeigt sich angenehm erzählfreudig.

Über Freunde habe er vor etwa fünf Jahren Leon Schwarzbaum kennengelernt und sich gleich prächtig verstanden. „Mit dem Thema Holocaust habe ich mich schon immer befasst.“ So gut habe er sich informiert gefühlt, dass er gemeint habe nicht noch einen Film darüber drehen zu müssen. „Aber die Aura von Leon Schwarzbaum hat mich gepackt.“

„Nicht in Berlin am Küchentisch“

Gemeinsam habe man überlegt, was mit Schwarzbaums Geschichte zu machen sei. Das Ergebnis: „Wenn wir es machen wollen, müssen wir dorthin“, erklärt Viet, „ich wollte nicht in Berlin am Küchentisch sitzen“.

Gemeinsam mit dem damals schon 93-Jährigen habe er sich auf die Spurensuche begeben. Schwarzbaum überlebte als einziger seiner großen Familie die Ghettozeit in Bedzin und die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen sowie den berüchtigten Todesmarsch nach Schwerin. Dort wurde er im April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. In seiner Jugend war er Sänger des Band Jolly Boys.

Sehr gutes Gedächtnis

Schwarzbaum habe ein sehr gutes Gedächtnis, aber jahrelang habe geschwiegen, sagt Viet. Dennoch habe er bei den Prozessen gegen Nazi-Schergen in den 1960er-Jahren nicht ausgesagt. Den Grund dafür nennt Viet: „Ein ganz normales Leben zu führen, war angesagt.“

Dann allerdings seien sie zusammen zum Prozess gegen SS-Buchhalter Oskar Gröning gefahren. „Er habe ihn sehen wollen“, sagt Viet. Dort lernten sie Anwälte von Aschwitzopfern wie Thomas Walther kennen. Die seien überrascht gewesen von Schwarzbaums Existenz: „Wir wussten ja gar nicht, dass es sie gibt.“

Ansturm der Journalisten

Schwarzbaum entschloss sich auszusagen, Viet wurde dann „sein gerichtlicher Betreuer, er musste beschützt werden.“ Unter anderem habe er versucht, den Ansturm der Journalisten zu lenken. Eine intensive Zeit, „insofern sind wir sehr zusammengewachsen“.

Vier Jahre lang hat Viet an dem Film gearbeitet. Zum Start sei kein Geld für das Projekt dagewesen, berichtet Viet. „Einen öffentlich-rechtlichen Sender wollte ich dabei haben“, doch alle hätten abgewunken – bis auf den rbb der dann doch noch ins Boot kam.

Verleih gefunden

Die Vorpremiere lief dann in Berlin vor geladenem Publikum. Anne Will moderierte die Veranstaltung. Schwarzbaum, Viet und die TV-Moderatorin hatten sich bei einer anderen Veranstaltung kennen- und schätzen gelernt, erzählt Viet. Will habe zugesagt: „Wenn der Film fertig ist, bin ich dabei.“ 300 Besucher waren in einem Kino im Berliner Stadtteil Friedrichshain dabei, berichtet Viet, alle begeistert. „Er ist ja auch ein netter Kerl, wenn er nach vorne kommt“, sagt er über seinen Protagonisten.

Inzwischen habe er auch eine Verleih gefunden. Der will „Der letzte Jolly-Boy“ im Herbst in die Kinos bringen . Allerdings werde es auch viel Eigenarbeit erfordern, „ich werde mit dem Film herumreisen“. Das das Thema und die Umsetzung ankommen, hat auch ein anderes Ereignis gezeigt. Der Film wurde gerade beim Filmfest Emden-Norderney mit dem DGB-Preis des Festivals ausgezeichnet.

Noch immer befreundet

Schwarzbaum ist inzwischen 97 Jahre alt. Gerade sei er im Krankenhaus gewesen. „Er ist wahnsinnig stolz auf den Film“, sagt Viet. Befreundet seien sie noch immer. „Man kann mit dem Mann viel Spaß haben. Er ist sehr breit aufgestellt.“

Mehr zum Programm des Festivals „Jazz ohne Gleichen“ finden Sie hier.

Regisseur Hans-Erich Viet präsentiert den Film am Sonnabend, 25. August um 19 Uhr auf dem Gelände des Schlosses Rittmarshausen. Der Eintritt ist frei. Tickets für die Konzerte gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt.

Von Peter Krüger-Lenz

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