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Regional “America First“ - gesehen von der Seitenbühne
Nachrichten Kultur Regional “America First“ - gesehen von der Seitenbühne
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15:37 23.02.2018
Eine Vorstellung, gesehen von der Seitenbühne. Quelle: Peter Krüger-Lenz
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Göttingen

Einige Schauspieler tanzen schon auf der Bühne, der Vorhang ist noch geschlossen. Die Vorstellung „America First“ beginnt allerdings erst in 19 Minuten. „Das ist die wichtigste Phase, da muss gute Laune entstehen“, sagt Matthias Heidt. Der Chefdramaturg des Deutschen Theaters (DT) hat Abenddienst. Der Tageblatt-Redakteur auch. Er schaut die Aufführung an – von der Seitenbühne.

Vor der Vorstellung führt Heidt noch schnell in die Männergarderobe, hier wird der Gast später einer eindruckvollen Verwandlung beiwohnen. Plötzlich steht Jackie Kennedy, geborene Onassis vor ihm. Eine kleine zarte Person in einem schicken Kostüm, perfekt geschminkt. Ein wenig eigenwillig wirken die Stoffpantoffeln, die sie an den Füßen trägt. In dem Kostüm steckt Leonie Rebentisch. Die Regieassistentin hat ebenfalls Abenddienst. Nach der Premiere reisen die Regisseure in der Regel ab. DT-Intendant Erich Sidler hat die Geschichte über das Leben von Marilyn Monroe inszeniert, er könnte schauen. Doch über den ordnungsgemäßen Verlauf der weiteren Vorstellungen wachen die Regieassistenten, erklärt Rebentisch, die in dem Kostüm steckt, weil eine der drei Jackie-Statistinnen an diesem Abend keine Zeit hatte. Also springt die Regieassistentin ein.

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Eine Vorstellung, gesehen von der Seitenbühne.

Wenige Meter weiter stehen Ankleiderinnen bereit. Ihren Namen wollen sie nicht nennen, sie wirken im Verborgenen. „Truppenbetreuung“, so nennt Heidt ihren Auftrag. Sie reichen den Schauspielern Pflaster und flicken Risse in Kostümen. Mehr noch: „Die guten Ankleiderinnen zeichnen sich durch psychologisches Geschick aus“, erklärt Heidt.

Wieder hinter der Bühne angekommen, geht gerade die Souffleuse Gertrud Schmidt vorbei. Auf dem Weg zu ihrem Platz in der ersten Reihe? „Ich sitze in der Null-Gasse“, sagt sie, ein schmaler Spalt etwa auf Höhe des Vorhangs seitlich der Bühne. Die Musiker haben schon ihren Platz im Orchestergraben eingenommen, sie sortieren noch ihre Noten. Klarinettist und Saxofonist Anton Säckl hat noch Zeit für ein kleines Pläuschchen über Joggen und körperliche Fitness.

Inspizientin hinterm Pult

In unmittelbarer Nachbarschaft links hinter dem Vorhang thront Inspizientin Ursula Friedrischek hinter einem Pult mit Monitor und vielen Knöpfen. Ihr Job: Sie muss den Ablauf des Abends koordinieren. Über Lautsprecher instruiert sie die Kollegen an Licht und Ton. Schauspieler, die Pausen in der Kantine überbrücken, ruft sie rechtzeitig zurück auf die Bühne.

Das Leben einer Diva

Um Marilyn Monroe dreht sich die Inszenierung „America First“, eine Auftragsarbeit des Deutschen Theaters (DT) Göttingen von Christoph Klimke. Die Uraufführung hat DT-Intendant Erich Sidler inszeniert. Klimke hat die Monroe (Angelika Fornell) als starke Frau gezeichnet. Auf der Bühne wird sie konfrontiert mit ihrem jungen Ich (Gaia Vogel). Die alternde Monroe durchlebt ihr Leben, in dem sich auch die politische Geschichte Amerikas spiegelt. Mit 36 Jahren ist sie gestorben – an einer Überdosis Tabletten. So die offizielle Version. pek

Dort stehen nun schon die ersten Akteure, die Vorstellung hat begonnen. Schon nach kurzer Zeit kommt Moritz Schulze aus dem Rampenlicht nach hinten. Sofort umringen ihn im Halbdunkel vier Theatermitarbeiter. Sie kleiden und schminken ihn um, aus dem Kerl wird eine Frau, Jackie Kennedy, die First Lady die Vereinigten Staaten. Nur wenige Minuten dauert die Verwandlung, bevor Schulze wieder auftritt. Eigens für solche schnellen Kostümwechsel ist dieser mobile Schminkstand eingerichtet, das spart lange Weg im Haus und damit viel Zeit.

Hoch unter dem Dach

Auf der Rückseite der Zuschauerraums hoch unter dem Dach sitzt Lothar Knocke in einer Kabine. Von hier aus hat er einen guten Überblick über Besucher Bühne – und eine ganze Reihe von Monitoren und Schaltpulten. Er ist Beleuchter und regelt das Bühnenlicht. Wie er betreut der seiner Kollegen drei bis vier Produktionen pro Spielzeit. „Achtung“ – auch er bekommt per Lautsprecher Hinweise der Inspizientin – mit einem Knopfdruck verändert Knocke die Lichtstimmung auf der Bühne. Auch ohne den Ruf der Inspizientin wäre ihm das pünktlich gelungen, im Textheft vor ihm ist alles notiert.

150 Minuten dauert die Vorstellung inklusive Pause. Wenn das Publikum sich dabei im Foyer tummelt, sitzt Schulze wieder in der Maske. Diesmal wird ihm ganz in Ruhe eine Glatze verpasst. Maskenbilder Michael Seer versteht offensichtlich sein Handwerk denn am Ende glänzt eine haarlose Platte auf dem Kopf des Schauspielers.

Viele Auf- und Abgänge

Im zweiten Teil wird der Abend dann noch turbulent mit vielen Auf- und Abgängen. Protagonistin Marilyn Monroe wird umlagert von ihrem jüngeren Ich und Menschen aus ihrer Vergangenheit. Auch Baseballspieler tauchen auf. Am Ende dann tost der Applaus, die Musiker kommen hoch auf die Bühne um ihren Teil der Publikumsbegeisterung in Empfang zu nehmen. Am Rand steht Regieassistentin Rebentisch mit wachen Augen. Noch trägt sie Gewand und Haar von Jackie und die Stoffpantoffeln an den Füßen. Die Zuschauer verlassen den Saal. Auf der Bühne geht das Arbeitslicht an, flott steht dort eine erste Leiter. Jetzt geht auch Rebentisch über die dunkle Seitenbühne zum Ausgang Richtung Garderoben. Ein weiterer Abend ohne schwerwiegende Panne ist geschafft.

Die nächste Vorstellung von „America First“: Freitag, 16. März, um 19.45 Uhr im Großen Haus des Deutschen Theaters, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11. Eine Rezension finden Sie hier.

Von Peter Krüger-Lenz

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