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Regional Uraufführung mit Göttinger Geschichte
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12:27 28.10.2018
Roman Majewski, Christoph Türkay und Marco Matthes (von links). Quelle: R
Göttingen

„Ich habe da so eine geniale Idee“, wiederholt Harry Cornelius mehrfach. Der Student der Wirtschaftswissenschaften ist noch am Anfang seiner beruflichen Laufbahn und träumt von dem ganz großen Geld. „Wärst du gerne reich? Ich meine, so richtig reich?“, fragt Harry, der von Roman Majewski gespielt wird.

Die Altersvorsorge übernimmt das Finanzamt

Das wie eine Talkshow aufgezogene Stück wird von Angela Kienzle, gespielt von Christina Jung, moderiert. Siegesgewiss werden die Bilanzen vorgestellt, die seit dem vergangenen Jahr durch die Decke gegangen sind. Konfettiregen und Cheerleader-Auftritte des 1. FSV Göttingen 05 machen den glorreichen Auftritt der Gruppe perfekt. Die Anlegerversammlung setzt zur erfolgreichsten Zeit der Göttinger Union oder auch Göttinger Gruppe an. Geworben wird für die Securente, die als Altersvorsorge dienen soll. Durch die atypische stille Beteiligung investiert die Göttinger Union Gelder ihrer Anleger in Firmen, die Verluste machen, und lassen sich das verlorene Geld vom Finanzamt durch gesenkte Steuern auszahlen.

Autor Linder schreibt in einem Treatment über das neue Stück: »Ich habe einfach mal angenommen, dass die Hauptfiguren alle unter einem stark ausgeprägten Gefühl der Melancholie leiden. Das heißt, sie alle leiden unter dem Eindruck, etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Sie sind zu kurz gekommen, sie haben es nicht ganz geschafft. Nun, da sich für sie mit der Geschäftsidee auf einmal die Chance auftut, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, ist gerade diese Melancholie der Grund, warum sie ganz besonders rücksichtslos vorgehen.“

Lockruf des Geldes

Mit steigendem Erfolg stellt Majewski mitreißend den Lockruf des Geldes da. Er spricht durchdringend und neigt zu Wutausbrüchen, sieht sich absolut im Recht. Mit einer Mischung aus Live-Musik und dem Bühnenbild von Gregor Müller, bestehend aus bis zur Decke reichenden Aktenschränken, lebt die Inszenierung von einem Stimmungsbild, das die zunehmende Rücksichtslosigkeit und Gier der Akteure widerspiegelt. Das Verkaufstalent von Artur Pellegrini (Florian Donath) ebenfalls Student der Wirtschaftswissenschaften, kann für die Zwecke der Union genutzt werden. Charakteristische ausladende Gestiken und ein sagenhaftes Redetalent setzt der junge Mann ein, um unwissenden Anlegern das Blaue vom Himmel zu versprechen und mit Lügen zu manipulieren. Als es der Göttinger Union gelingt, den Lokalpolitiker Hermes Rechtspaten für sich zu gewinnen, scheint dem endgültigen Erfolg nichts mehr im Wege zu stehen.

Wozu die Moral?

Das Publikum kennt den Ausgang der Geschichte und das nutzt Linder, um öffentliche Auftritte der Figuren gezielt übertrieben darzustellen, um deren eigentliche Schieflage zu verdeutlichen. Die sich anfänglich träge drehende Abwärtsspirale erhält einen deutlichen Ruck als Gertrude von Renzl-Schwan, die durch unterschiedliche Wohltätigkeitsaktionen Bekanntheit erlangt hat, einen Monolog über die verlorene Moral hält. „Wenn jeder Mensch schlecht ist, dann ist doch jeder Mensch gut. Das führt dazu, dass Moral überflüssig ist“, meint die von Angelika Fornell gespielte Dame. Bei zwielichtigen Finanzpraktiken darf auch Uli Hoeneß, von Gabriel von Berlepsch gespielt, nicht fehlen. „Steuerhinterziehung ist von gestern. Heute weiß ich, dass es weitaus geschmeidigere Methoden gibt, sein Geld am Staat vorbei zu schleusen.

Cholerische Wutausbrüche

Harry, der in der Öffentlichkeit stets makellos erscheint, neigt im Privatleben zunehmend zu cholerischen Wutausbrüchen. An niemandem gehen der plötzliche Reichtum und der drohende Absturz spurlos vorbei. Die anfänglich vertrauenerweckende Stimmung gerät ins Wanken und plötzlich geht alles ganz schnell. Das Geld der Anleger ist weg, und die Beschwerden prasseln nur so auf die Union ein. Einige Darsteller stehen plötzlich in den Reihen der Zuschauerränge und rufen empört: „Wo ist mein Geld? Ich will mein Geld zurück!“ Die Zuschauer sind plötzlich die große Masse enttäuschter Geldanleger, gegen die die Union nichts unternehmen kann. Zum Ende wird deutlich, dass Linder mit seinem Werk nicht nur eine Farce über die Göttinger Gruppe geschrieben hat, sondern die gesamte Politik an den Pranger stellt. Denn als die Finanzplanung der Union in ihrer Abwärtsspirale versinkt, ist es der Lokalpolitiker Rechtsspaten, der am lautesten aufschreit und die Union für unmenschliches und eigennütziges Verhalten verantwortlich macht. Dabei war es die Politik, die den gesetzlichen Rahmen lockerte und die Bedingungen für höchst unsichere Projekte wie die Securente erst schuf.

Die nächsten Vorstellungen: 2., 14. und 30. November sowie am 11. Dezember um 19.45 Uhr im Großen Haus des Deutschen Theaters, Theaterplatz 11. Karten können unter Telefon 05 51 / 49 69 300 reserviert oder auch in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, gekauft werden.

Von Lisa Hausmann

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