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Regional Fassbinder und die bitteren Tränen
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15:00 30.09.2018
Sechs starke Schauspielerinnen: Leona Grundig, Gaia Vogel, Andrea Strube, Judith Strößenreuter, Dorothée Neff und Gitte Reppin (von links). Quelle: R
Göttingen

1971 hat Rainer Werner Fassbinder den Stoff für die Theaterbühne geschrieben und 1972 dann verfilmt. Auch in der DT-Produktion weht ein Hauch der 70er-Jahre. Doch die Themen, die auf der Bühne verhandelt werden, sind zeitlos und deswegen weiterhin aktuell. Es gehe um Macht, erklärte DT-Intendant Erich Sidler im Anschluss an die Premiere – um jene Machtverhältnisse, die entstehen, wenn zwei Menschen sich nicht gleichermaßen lieben.

Fassbinder galt als schwer zu ertragende Kombination aus künstlerischem Genie und menschlichem Kotzbrocken. Viele seiner Stücke tragen autobiografische Züge, auch „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Er selbst hat sich in der Titelfigur verewigt und seine unerfüllte Liebe zu dem Schauspieler Günther Kaufmann zum Thema gemacht.

Erfolgreiche Modeschöpferin

Im Zentrum der Geschichte stehen vor allem zwei Frauen: die erfolgreiche Modeschöpferin Petra von Kant (Andrea Strube), Mitte 30, und die 23 Jahre alte Karin Thimm (Dorothée Neff). Petra hat gerade eine Scheidung hinter sich, als sie Karin trifft und sich Hals über Kopf in die junge, etwas naive Frau verliebt. Um sie zu halten, bietet sie Karin einen Job als Model an. Karin, die gerade ohne ihren Ehemann nach fünf Jahren aus Australien zurückgekommen ist, lässt sich auf das Angebot ein. Doch bald schon wird sie der Beziehung überdrüssig und beginnt Affären mit Männern, die sie vor Petra nicht verheimlicht. Mit großem Getöse geht die Beziehung den Bach runter. Karin verlässt Petra, die bittere Tränen weint über den Verlust der Liebe, vor allem aber über ihr Leben und schonungs- und gnadenlos mit sich und ihrer Umgebung abrechnet.

Einige weitere Frauen flankieren die Beziehung. Da ist beispielsweise Marlene (Judith Strößenreuter), die allgegenwärtige Bedienstete, von Petra aufs Übelste schikaniert. Petras Mutter Valerie (Gitte Reppin) lässt sich von ihr aushalten wie sie das schon bei ihrem verblichenen Ehemann tat. Zum Geburtstag Petras kommt ihre Teenager-Tochter Gabriele (Leona Grundig) aus dem Internat nach Hause, in dem Petra sie abgestellt hat. Sidonie von Grasenabb (Gaia Vogel) ist eine Freundin Petras, eine eher durchtriebene Bussi-Bussi-Freundin, die Karin mitbringt zu Petra. All diese Frauen sind allgegenwärtig in Petras Leben, auch wenn sie nicht körperlich anwesend sind. Nur folgerichtig, dass Regisseur Beichl sein Ensemble die komplette Vorstellung über auf der Bühne belässt.

Siel Sinn für Ästhetik

Umbauten der Bühne, mit viel Sinn für Ästhetik entworfen von Astrid Klein, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, sind nicht notwendig. Alles spielt sich in Petras Wohnung auf der Vorbühne des großen Hauses ab. Hier entspinnt sich ein enorm intensives Kammerspiel, was in allererster Linie an stark auftrumpfenden Schauspielerinnen liegt, sicherlich auch von dem sehr jungen Regisseur Beichl zu einer solchen Leistung motiviert. Andrea Strube und Dorothée Neff liefern sich einen kraftvollen Beziehungskampf, Strube als reife und intelligente Frau, die mitten im Leben steht und viel erlebt hat, Neff als zauberhafte Karin, die das Leben sehr leicht nimmt. Gaia Vogel als Sidonie von Grasenabb trägt die Nase als Society-Frau an der Seite eines reichen Mannes ziemlich hoch, und Gitte Reppin ist als Petras Mutter dreist, leidensfähig und da, wenn sie gebraucht wird. Eine wirklich grandiose Leistung liefert Judith Strößenreuter, die ohne großes Getöse ganz viel Ausstrahlung verströmt – eine Meisterin der kleinen Geste. Überraschend dann noch eine Entdeckung: Leona Grundig spielt Petras Tochter Gabriele sehr schön linkisch, teenagerhaft lebendig und mit viel Witz. Dabei lernt sie noch – als Studentin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Geplantes Studienende: 2019.

Ensemble und Regieteam ist ein dichter, atmosphärischer und sehr eindrucksvoller Abend gelungen. Tolles Theater.

Die nächsten Vorstellungen im Großen Haus des Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11: 5., 9., 19. und 24. Oktober sowie am 7. und 9. November um 19.45 Uhr. Karten kosten zwischen 18 und 29 Euro. Sie können unter Telefon 0551/4969300 reserviert werden.

Von Peter Krüger-Lenz

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