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Geflüchtete auf der Bühne

Deutsches Theater Geflüchtete auf der Bühne

Zwei stehen auf der Bühne, einer arbeitet in der Tischlerei: Das Deutsche Theater Göttingen beschäftigt derzeit drei Geflüchtete aus dem Iran, aus Syrien und Afghanistan. Eine berufliche Perspektive haben sie dort nicht, aber gleichaltrige Gesprächspartner und ein Netzwerk.

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Sonja Bachmann, Zainoun Al Akard und Mohammad Zabi Behbudi (von links) in einer der Werkstätten des Deutschen Theaters.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Mohammad Zabi Behbudi ist 18 Jahre alt. Als unbegleiteter jugendlicher Flüchtling ist er nach Deutschland gekommen. Derzeit lebt er in Northeim und besucht dort die Berufsbildenden Schulen (BBS) II. In seinem Heimatland Afghanistan sei er vier Jahre zur Schule gegangen, sagt Behdvedi der bereits bemerkenswert gut Deutsch spricht. Danach habe er zwei Jahre als Tischler gearbeitet und danach mit seinem Vater zusammen Hefte und Stifte verkauft. Mit seinem Lehrer hat er über einen Praktikumsplatz gesprochen, Tischler möchte er werden. Der Pädagoge stellte den Kontakt zum Theater her.

Seit Anfang Oktober arbeitet Behbudi jetzt drei Tage die Woche in der Tischlerwerkstadt des Theaters, an zwei Tage besucht er die Schule. Die Kollegen schätzten seine Selbstständigkeit und sein handwerkliches Geschick, sagt DT-Mitarbeiterin Sonja Bachmann, die sich um die Geflüchteten kümmert. Den Unterschied zu seiner Heimat beschreibt Behdvedi so: „In Afghanistan haben wir viel mit Händen gearbeitet, hier gibt es viele Maschinen.“

Ausbildung in der Elektrotechnik

Ali Hossein Rajabi lebt schon seit drei Jahren in Deutschland, zurzeit in Eschwege. Mit dem Flugzeug sei er damals aus dem Iran gekommen, sagt der 35-Jährige, der nicht fotografiert werden möchte. Zu Hause sei er im Supermarkt seines Vaters angestellt gewesen, habe aber fast elf Jahre lang nebenher auch Theater gemacht und sei mit seiner Truppe durch den Iran gezogen. Gerne hätte er auch in Deutschland als Schauspieler gearbeitet. Doch das sei schon für deutsche Schauspieler Mitte 30 schon schwierig, erklärt Bachmann. Deshalb habe er sich dagegen entschieden und beginnt jetzt eine Elektrotechnik-Ausbildung. Immerhin hat ist er in einer DT-Produktion besetzt.

In „Geächtet“, das gerade wieder aufgenommen wird, spielt er einen Moslem, der auch betet. „Das ist eine Rolle“, sagt Rajabi, der selbst Christ ist. „Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich kein Wort verstanden“, sagt er. „Mein Name ist Ali, und ich freue mich, dass ich hier bin.“ Diesen Satz habe er damals auswendig gelernt. Heute spricht er hervorragend Deutsch. Intensiv habe er über das Internet gelernt, sagt Rajabi, „mein Talent sind Sprachen“. Bachmann ergänzt: „Er war den ganzen Tag im Haus. Wir haben ihm etwas 24-mal erklärt, er hat 27-mal nachgefragt.“

Keine Rückmeldungen auf Bewerbungen

In seiner Heimat Syrien hat Zainoun Al Akrad Zahnmedizin studiert. Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland. Er habe unterschiedliche Sprachkurse besucht und zu Hause am Computer gelernt, „das hat vielleicht jeder Flüchtlinge gemacht“, meint Al Akrad. Zwei Jahre habe er in seiner Heimat für die UNO gearbeitet, als Helfer in der Krise. Danach habe er „eine ganz typische Flüchtlingsgeschichte erlebt“, sagt der 27-Jährige. Über die Türkei sei er mit dem Schlauchboot nach Griechenland gekommen, seine Ehefrau ist mit ihm geflüchtet. Hier wollte er als Zahnarzt arbeiten, viele Bewerbungen für Praktika habe er geschrieben, Rückmeldungen habe er keine bekommen.

Im Universitätsklinikum sei er „sehr mutig“ gewesen und sei direkt zu der entsprechenden Stelle gegangen. Aber auch dort habe er keinen Erfolg gehabt. Stattdessen probt er jetzt das Familienstück „Bei den wilden Kerlen“ – „umsichtig und erfindungsreich“, sagt Bachmann. Premiere ist am Sonntag, 5. November. „Schauspieler zu sein, war immer mein Traum“, erklärt Al Akrad. Den kann er jetzt zumindest vorübergehend ausleben. „Die Stelle ist mein erster Kontakt zu Leuten in meinem Alter“, erklärt er. „Die Menschen, die Zeit haben, Flüchtlingen zu helfen, sind alt. Alle meine Bekannten sind über 80.“

Von Peter Krüger-Lenz

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