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Regional Deutsches Theater: „Rotlicht“ erzählt von Prostituierten
Nachrichten Kultur Regional Deutsches Theater: „Rotlicht“ erzählt von Prostituierten
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22:22 07.04.2013
Quelle: dpa
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Göttingen

"Rotlicht" - so heißt die neue Produktion der „Werkgruppe2“ um Regisseurin Julia Roesler, die am Deutschen Theater am Sonnabend uraufgeführt wurde. Die dokumentarisch-musikalische Milieustudie behandelt Prostitution in Deutschland.

Sie erzählen von ihrer Arbeit, von ihren Freiern und aus ihrem Privatleben. Neun Frauen, die ihre Dienste als Eskort-Service, in der Billig-Absteige, im Nobel-Bordell oder im Wohnwagen-Puff anbieten. Wahre Geschichten.  „Rotlicht“ ist Dokumentartheater, wie bereits die Recherchestücke „Friedland“, „Soldaten“ oder „Zirkus“ der Werkgruppe. Meist wird ein Thema der aktuellen öffentlichen Diskussion gewählt, Interviews folgen und daraus wird das Bühnenstück erarbeitet.

Interviews mit Prostituierten

Bei der Vorbereitung auf die Interviews mit in Deutschland arbeitenden Prostituierten, noch vor der in diesem Jahr einsetzenden Sexismus-Debatte, hatte Regisseurin Roesler gesagt, „wir müssen mit Bildern arbeiten, ohne in Klischeeabgründe abzustürzen“. Das ist der „Werkgruppe2“ gelungen. Die Inszenierung beschönigt nichts. Sie setzt die Prostituierten weitgehend selbstbewusst und nicht herablassend in meist knapper, roter Arbeitsgarderobe und mit deutlichem Jargon in Szene. 

Sie locken auffordernd „ruf mich an“. Betont werden die Szenen mit Musik von Insa Rudolph, die mit Isabel Meisel und Lisa Stepf singt und musiziert. Poprhythmen vom Cembalo und Gesang durchs Megaphon sorgen für ebenso ungewöhnliche wie eingängige Klänge. Dem Publikum sind Handys erlaubt. Es kommt zum Dialog mit der Kundschaft im Zuschauerraum. Die Laufschrift über der Bühne zeigt Telefonnummern von Göttinger Etablissements und von den sechs aufreizenden Damen im gekachelten Schauraum.

Arrogant, berechnend und dominant

Imme Beccard, Stefany Dreyer, Angelika Fornell, Denia Nironen, Nadine Nollau und Franziska Roloff verkörpern die Huren arrogant, berechnend und dominant, aber auch verzweifelt, hoffnungslos und zerstört.   Jede hat aus einer anderen Not heraus – von Hunger bis Luxusproblem – den Job gewählt. So verschieden wie die Gründe, sind die Frauentypen und ihre Herkunft: Die Hure im Rentenalter ist ebenso dabei wie die auf erniedrigenden Flatrate-Sex angewiesenen jungen Frauen aus Osteuropa, die exzentrische Domina oder die mütterliche Dirne.

Jede der Schauspielerinnen kommt in ihrer jeweiligen Rolle richtig an. Jede überzeugt mit der für den Job nötigen Pose und als Privatperson, die ungeschminkt von sich erzählt. Am Ende wird klar, dass bei jeder die selbstbewusste Rechtfertigung für den Verdienst im Vordergrund steht und keine wirklich von ihrer Arbeit überzeugt ist.

Szene mit potentem Kaninchen

Das ist eine Stärke der Inszenierung, die subtil die heutigen Varianten weiblicher Abhängigkeit im ältesten Gewerbe der Welt darstellt. Umso überflüssiger ist deshalb die Szene mit dem potenten Kaninchen, das eine Dame nach der anderen mit Geld und Nachfrage beglückt. Auch ohne das hoppelnde Erektionssymbol hätte „Rotlicht“ sicher den ausgiebigen Applaus erhalten, den das Premierenpublikum gab.  

Das Stück "Rotlicht", das am Samstagabend im Deutschen Theater Göttingen in Niedersachsen vom Ensemble werkgruppe2 uraufgeführt wurde, gibt Einblicke in das Leben von Prostituierten in Deutschland. ©dpa

► Nächste Vorstellungen am 11., 17., 23. April um 19.45 Uhr im Deutschen Theater, Theaterplatz 11 in Göttingen. Kartentelefon: 0551 / 4969-11.

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