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Dicker Calmund, rasender Stillstand

Gieseking im Göttinger Apex Dicker Calmund, rasender Stillstand

Hoffentlich haben am Mittwochabend alle Gieseking-Fans den Weg ins Apex gefunden. Nicht, dass sie die Krönung des Jahres verpasst haben. Ein Jahresrückblick vor Weihnachten ist nämlich tatsächlich eher ungewöhnlich. Terminbedingt, so schreibt der Veranstalter, könne der Kult-Status genießende Kabarettist dieses Jahr mit seinem Programm „Ab dafür“ seinen Blick nur auf die vergangenen knapp elfeinhalb Monate werfen.

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Früher Rückblick mit Abstecher nach Finnland: B. Gieseking.

Quelle: Pförtner

Bernd Gieseking selbst kommt das ganz recht. Glaube man den Mayas, werde es die Welt nach Weihnachten ohnehin nicht mehr geben: „Da ist es doch schön, dass wir uns alle noch ein letztes Mal sehen“, sagt er vergnügt. 2012 sei sowieso kein besonders innovatives Jahr gewesen. Während in den Staaten Obama wiedergewählt worden sei, habe hierzulande nur das Abwählen Gottschalks vom Nachrichtengehalt her mit diesem Ereignis mithalten können.

Bei seinem Kleidungsstil sei es schon lange an der Zeit gewesen, dass er von der Bildfläche verschwinde. Seine modischen Fauxpas seien wirklich keine bahnbrechenden Neuigkeiten. Genauso wenig die Tatsache, dass Reiner Calmund dick ist.

Der Kabarettist stellt diese Feststellungen jedoch geschickt in neue Zusammenhänge und sorgt so für einen unterhaltsamen Abend. Obwohl „die großen Ereignisse 2012 fehlten“, wie er sagt, hat das Publikum viel zu lachen. Auch der „rasende Stillstand“, der die letzten Monate  dominierte, bietet Angriffsfläche für Giesekings satirische Kommentare.

Wie könne es sein, dass bei der Mars-Mission der Rover „Curiosity“ problemlos auf dem roten Planeten umher fahre, während auf der Erde nicht einmal die ICE-Züge fristgerecht von Siemens zusammengebaut werden könnten? Das sei „rasender Stillstand“, und Gieseking ist wahrlich ein Meister der Retrospektive.

Sein Fakten- und Pointen­input wurde immer wieder durch Telefonate mit Joachim Sauer, Mann von Angela „Mutti“ Merkel, unterbrochen. Mit den Worten: „Moin, Bernd hier“ beginnen diese Gespräche, und sie enden mit der Warnung Joachims, doch bitte nichts von dem Erzählten auf der Bühne preiszugeben: „Das würde Mutti nicht wollen“. Na, das klappt ja gut.

Neben Nachrufe auf Wulff in gerappter und gedichteter Form, Spekulationen über das Ossibündnis zwischen Gauck und Merkel sowie kritische Anmerkungen zur Documenta-Chefin und zum Organspende-Skandal, gibt der Autor auch Passagen aus seinem Buch „Finne dich selbst“ zum Besten. Er berichtet darin von einer Reise nach Finnland, die er mit seinen Eltern vor zwei Jahren antrat.

Amüsant ist diese Lesung ebenfalls. Doch scheint Gieseking auf diese Weise noch Vorteil daraus schlagen zu wollen, dieses Jahr schon verhältnismäßig früh in Göttingen zu sein: Er kann sein Werk als Weihnachtsgeschenk anpreisen. Mit dem Jahr 2012 hat dieser Werbeblock jedenfalls nicht zu tun.

Von Sarah Lodder

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Ein Maximilian Hecker ist nichts ohne seine Frisur“. Diese und weitere Erkenntnisse aus seinem Musiker-Leben plaudert der 35jährige Berliner am Mittwochabend im Göttinger Apex zwischen seinen melancholischen Pophymnen munter aus. Zusammen mit Felix Räuber, bekannt als Sänger der Band Polarkreis 18, stellt er rund 80 Besuchern sein neues Album „Mirage of Bliss“ vor.

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