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Regional Die Blechtrommel: Möwendreck und Walzertakt
Nachrichten Kultur Regional Die Blechtrommel: Möwendreck und Walzertakt
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12:00 24.09.2018
Szene aus „Die Blechtrommel“ in einer Regiearbeit von Theo Fransz am Deutschen Theater Göttingen. Quelle: Thomas Müller
Göttingen

Eine Pyramide aus weiß-rot gezackten Blechtrommeln, ein voluminöses halbiertes Rohr, drei hängende, kupferfarbene Bleche und ein großer Holzstuhl, dessen Dimension uns die Ausmaße der Welt durch die Augen Oskar Matzeraths verrät: Die Kulisse der „Black Box“ des deutschen Theaters ist zur Premiere der Inszenierung von Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ sparsam, aber wohlbedacht bestückt.

Es wird still im DT 2, als sich der Oskar-Darsteller Benjamin Kempf die Wolldecken schnappt, welche neben dem großen Stuhl bereit liegen und das Publikum danach fragt, an welcher Stelle er beginnen solle, seine Geschichte zu erzählen. Die Story ist der Mehrheit des Premierenpublikums offensichtlich wohlvertraut. Immer wieder hört man es während der Vorstellung wispern: „Jetzt kommt…“ Zunächst kommt scheinbar zunächst einmal Oma. Danach der flüchtende Koljaicek. Wie dieser sich unter den Röcken der Großmutter vor seinen Verfolgern verbirgt, spielt Alleindarsteller Kempf durchaus sehens- vor allem aber hörenswert. Neun Monate später, so erfährt sein Publikum, kommt daraufhin Oskars Mutter Agnes zur Welt.

Symbol der „deutschen Kartoffel“

Von Agnes, ihren moralischen Verfehlungen und dem unkonventionellen Verhältnis zu den Männern, die als Oskars Vater infrage kommen, berichtet der in eine kurze Latzhose gekleidete Kempf als Oskar gleichermaßen ungerührt wie unberührt. Unverhohlen ist dagegen die Verachtung, die er dem späteren Nationalsozialisten Matzerath – immerhin offiziell Oskars Vater – entgegenbringt. In der Interpretation des niederländischen Regisseurs Theo Fransz scheinen die beiden Männer, denen Oskars Mutter ihre Zuneigung schenkt, friedlich zu koexistieren. Das Symbol der „deutschen Kartoffel“ und wie sie während eines später eingeschobenen Puppenspiels Verwendung findet, wirkt in diesem Zusammenhang als ein subtiler politischer Kommentar nach. Oskar selbst hat für beide Männer offensichtlich nicht viel übrig, müsste er sich entscheiden, scheint es aber als würde seine Sympathie eher noch dem blauäugigen Liebhaber, Jan Bronski, gelten.

Seine eigene Ankunft im Leben kommentiert Oskar fatalistisch. Man könne „eben nichts machen, die Hebamme hatte mich ja schon abgenabelt.“ Von dem Plan Matzeraths, Oskar solle später den Kolonialladen seiner Eltern übernehmen, hält der nach eigenen Angaben geistig voll entwickelte Neugeborene nichts. Das Versprechen seiner Mutter allerdings, er solle an seinem dritten Geburtstag eine Blechtrommel bekommen, gibt ihm ein Ziel vor. Der Verschleiß an Trommeln ist enorm. In kürzester Zeit bringe er es fertig eine Trommel kaputtzuspielen, erklärt Kempf als Oskar seinem Publikum schulterzuckend. Die Frage danach, ob Oskar sein Wachstum tatsächlich bewusst einstellt, oder der Sturz von der Kellertreppe dafür verantwortlich ist, wird nicht beantwortet. Die Entscheidung darüber überlässt der Schauspieler, kopfüber baumelnd, seinem Publikum.

Gekürzte Fassung

Wie nicht anders zu erwarten, ist die Romanvorlage der Blechtrommel für die 80-minütige Inszenierung gekürzt worden. So finden etwa Oskars Raubzüge in der Theaterfassung von Oliver Reese nicht statt, von seinen „Freunden“ lernt das Publikum, abgesehen von Maria und dem Brausepulver-Exkurs, nur den Clown Bebra kennen. Wer die Vorstellung besucht, erfährt also nicht, dass Oskar seine Fähigkeiten Glas zu zersingen keinesfalls nur als Ausdruck seines Protests benutzt. So mag dem Betrachter der Junge, der beschlossen hat, nicht mehr zu wachsen, vielleicht stärker ans Herz wachsen, als es bei der Lektüre des Buches der Fall ist. Benjamin Kempf versteht es in seiner Rolle definitiv, Emotionen in seinen Zuschauern zu wecken. Der subtile, aber effektive Einsatz von Licht und Ton, des Bühnenbilds wie auch der Requisiten unterstützt sein Spiel in Tonalität und Ausdruck effektiv.

Während das Ende der Vorstellung samt der plastischen Hinterlassenschaften der kreischenden Möwen recht abrupt erscheint, fordert das kleine Lächeln in den Mundwinkeln des Schauspieles das Publikum dazu auf, es dennoch als solches anzunehmen. Minutenlanger Applaus ist sein wohlverdienter Lohn.

Termine

Termine: „Die Blechtrommel“ am 29. September, 5., 11. und 25. Oktober sowie 6., 29. und 30. November jeweils um 20 Uhr. Zusätzliche Vorstellung am 26. Oktober um 10 Uhr. Karten online im Ticketshop des Tageblatts unter gt-tickets.de.

Von Claudia Bartels

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