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„Die Geschichten sind knackig und spannend“

Claudia Ott übersetzt „101 Nacht“ „Die Geschichten sind knackig und spannend“

Dank Horst Köhler muss man die Literaturgeschichte umschreiben. Im März 2010 hatte sich der damalige Bundespräsident kurzfristig dazu entschieden, eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zu besuchen.

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Geschichte vom Ebenholzpferd: Die Handschrift von 1235 erzählt auch von einem Pferd mit Flugmechanik.

Quelle: Ott

Göttingen. In dem Museum sorgte er damit für Aufregung: Wie konnte man die Eröffnung der Ausstellung „Schätze des Aga Khan Museum“ schnell noch etwas festlicher gestalten?

Bald darauf klingelte auf Claudia Otts altem Heidehof in Beedenbostel bei Celle das Telefon. Die Berliner Ausstellungsmacher fragten an, ob sie zufällig in zwei Tagen Zeit habe, um die Eröffnung musikalisch zu umrahmen. Mit der Nay, einer arabischen Rohrflöte, tritt Ott gelegentlich bei Veranstaltungen auf. Sie sagte zu – auch, weil die Ausstellung sie interessierte.

Musikerin ist die 44-Jährige nämlich nur im Nebenberuf. Die studierte Arabistin hat sich vor allem als Übersetzerin einen Namen gemacht. Ihre Übertragung von „Tausendundeine Nacht“ hatte vor acht Jahren bei Kritikern und Lesern für Aufsehen gesorgt. In der Berliner Schau waren auch bedeutende arabische Handschriften ausgestellt – unter anderem der „Blaue Koran“, dessen Anblick für Ott schon allein die Anreise gelohnt hätte.

Doch beim Rundgang durch die Ausstellung erregte plötzlich etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. In einer unauffällig platzierten Vitrine lag neben einer Karaffe und einer Schatulle eine nicht näher bezeichnete, aufgeschlagene Handschrift, deren Anblick den Herzschlag der Übersetzerin beschleunigte. „101 Nacht“ stand auf der Titelseite. „Ich habe sofort gesehen, dass das eine Sensation ist“, sagt Ott. „Niemand hat von der Existenz dieser Handschrift gewusst – und die Besitzer hatten die Bedeutung noch nicht erkannt.“

Dabei sind die Geschichten von „101 Nacht“ durchaus nicht unbekannt, sie sind ein Schwesterwerk der 1001 Nächte. Als „verwandt und doch ganz anders“ beschreibt Ott das Verhältnis der beiden Sammlungen. Während „1001 Nacht“ aus dem Orient – dem arabischen Osten – stammt, gehört „101 Nacht“ in den Kulturkreis des arabischen Westens: nach Nordafrika und ins mauretanische Spanien. Beide Sammlungen haben sich weitgehend unabhängig voneinander entwickelt. Überschneidungen bei den einzelnen Geschichten gibt es kaum.

Das Bemerkenswerte an Otts Entdeckung war also weniger der Inhalt als vielmehr das Alter der Schrift. Zunächst war das nur ein Verdacht. Doch Ott sorgte dafür, dass sie dabei sein konnte, als die Vakuumvitrinen beim Abbau der Berliner Ausstellung geöffnet wurden. Sie durfte die Handschrift noch im Gropius-Bau einsehen und entdeckte, dass sie auf das Jahr 1235 datiert war. „Es ist das bisher einzige mittelalterliche Manuskript aus der Welt der arabischen Nächte“, sagt die Übersetzerin, „mehr als 550 Jahre älter als alles, was man bisher von ,101 Nacht‘ kannte, und 250 Jahre älter als jede ,1001 Nacht‘-Quelle.“

Viel deutlicher als in den bisher bekannten Schriften sei hier die indische Herkunft der Erzählungen zu erkennen. „Die Geschichten sind viel weniger bearbeitet, sie sind knackig und spannend“, schwärmt Ott. Tatsächlich ist allein die Spannbreite der Motive erstaunlich: Nicht nur Ritter, Jungfrauen und Lindwürmer bevölkern die Geschichten, es gibt auch angriffslustige Automaten und Flugmaschinen. „Es geht eigentlich um alles, was Spaß macht“, fasst Ott zusammen.

Damit man das auch nach der Übertragung ins Deutsche merkt, hat die Übersetzerin ungewöhnliche Wege beschritten. Wie die Vorlage sollte auch ihre Arbeit „bei aller Gediegenheit“ und „historischen und philologischen Treue den Charakter von Unterhaltungsliteratur“ bekommen. Darum hat Ott Freunde und Interessierte eingeladen und ihnen die einzelnen Kapitel der Rohübersetzung vorgelesen.

Gemeinsam wurde dann Manöverkritik geübt: Wo gibt es logische Fehler, wie klingt es im Vortrag lebendiger? Dann wurde im Detail gefeilt, bis alle begeistert waren.

Gelegt hat sich diese Begeisterung auch nach Abschluss der Arbeit nicht. Fast liebevoll hält Ott die gedruckte Version in der Hand: ein eindrucksvolles, schweres Buch, auf dessen bordeauxfarbenen Samteinband goldene Ranken geprägt sind. Der Verlag hat offensichtlich keine Mühen gescheut, um Otts anspruchsvollen Vorstellungen gerecht zu werden.

Erst recht in einer limitierten Vorzugsausgabe: Das Buch wird in einer Hülle geliefert, deren Vorderseite sich in der Mitte einknicken lässt, sodass sie zu einer Art Buchständer wird. Am Arbeitsplatz der Übersetzerin liegen alle Bücher auf solch traditionell arabischen Tischlesepulten. Sie sollen verhindern, dass die Seiten zu weit aufgeschlagen werden und so den Einband beschädigen. Ursprünglich waren die schonenden Halter Koranständer.

„Aber alle Bücher fühlen sich wohl darin“, sagt Ott. Und freut sich, dass es eine uralte Kulturtechnik mit ihrem Buch endlich auch ins Abendland schafft.

„101 Nacht“, übersetzt von Claudia Ott. Manesse. 336 Seiten, 49,95 Euro. Die Premiumausgabe mit Schuber und Goldschnitt kostet 130 Euro. Im Hörverlag ist eine Lesung mit Musik mit Jasmin Tabatabei erschienen (7 CDs, 39,99 Euro).

Von Stefan Arndt

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