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Die Göttinger Zeit von Schriftsteller Walter Kempowski

„Exkursion mit drei Idioten“ Die Göttinger Zeit von Schriftsteller Walter Kempowski

Vier wichtige Jahre hat Schriftsteller Walter Kempowski (1929-2007) in Göttingen gelebt. Es waren die Jahre nach seiner Entlassung aus der Haft in Bautzen. 1948 war er 18jährig wegen angeblicher Spionagetätigkeit in Rostock verhaftet worden, 1956 wird er entlassen.

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Stellt die Erinnerungen ihres Mannes vor: Hildegard Kempowski.

Quelle: Vetter

Göttingen. In Göttingen macht er Abitur, beginnt ein Studium. Im „schönen Göttingen“ sei er wieder „normal geworden“ schreibt Kempowski in seinen Aufzeichnungen aus den Jahren 1956 bis 1970, die jetzt als Buch „Wenn das man gut geht“ erschienen sind. Seine Witwe Hildegard Kempowski stellte Auszüge  im Literarischen Zentrum vor.

Die erste Buchpräsentation des Verlages habe ihr nicht gefallen, so Kempowski. Da „habe ich den frechen Mut gefasst“, selbst eine Lesefassung zusammenzustellen. Alles zunächst natürlich zu lang, gut drei Stunden hätte sie da gelesen. Schweren Herzens hat sie sich einige wenige Stellen herausgesucht. Auf das erste Göttinger Jahr konzentriert sie sich hier.

Kempowski, der in diesem Jahr rund acht verschiedene Fassungen eines literarischen Haftberichts schreibt, sammelt in den Aufzeichnungen Eindrücke, Gedanken, Alltagserlebnisse.

Lakonisch im Ton sind sie, oft komisch, ein Stil, der auch seine späteren Bücher auszeichnet. Neben Reflektionen über 24    000 Tote in Bautzen finden sich auch Schilderungen einer „Exkursion mit drei Idioten“ ins Göttinger Umland oder eines Nachmittags bei einer pietistisch-frömmlerischen Familie.

„Er wollte das immer veröffentlichen“

Als Moderator ist Hildegard Kempowski der Literaturwissenschaftler Kai Sina an die Seite gestellt. Eigentlich braucht sie ihn gar nicht. Es genügen ein paar Anstöße. Sie hat viel zu erzählen und sie kann das gut. Ein bisschen gleicht ihr Stil dabei dem ihres Mannes: Schnörkellos, aber warmherzig, treffend und immer auch ein bisschen komisch.

So zeichnet sie ein Bild davon, wie es ihm gelungen ist, nach den schrecklichen Erlebnissen der Haft ins Leben zurückzufinden. Wie er wie besessen geschrieben habe, nicht bloß als Therapie, „er wollte das immer veröffentlichen“. Berichtet über Kempowskis Fähigkeit, das Tragische durch Komik erträglich zu machen.

„Weihnachten 56 saßen wir mit seiner Mutter und dem Bruder Robert zusammen. Die drei haben von ihrer Haft erzählt. Wir haben uns gekrümmt vor Lachen.“

Dass es in Göttingen an dem Haus am Weißen Stein, in dem Kempowski lebte, keine Erinnerungstafel gibt, kann sie verschmerzen. Seine Tagebücher legt sie den Göttingern  mit ihrer wundervollen Präsentation aber ebenso eindringlich ans Herz, wie seinen Roman „Herzlich Willkommen“, über seine Göttinger Zeit.

Von Christiane Böhm

Walter Kempowski: „Wenn das man gut geht“; Knaus, 624 Seiten, 29,99 Euro. „Herzlich willkommen“; btb Verlag, 382 Seiten, 9 Euro.
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