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Die Katastrophe lässt nur Verzweiflung zu

„Am schwarzen See“ am DT Die Katastrophe lässt nur Verzweiflung zu

So könnte Idylle aussehen. Das eine Ehepaar betreibt eine Brauerei, das andere lebt gut situiert, weil der Gatte die Filiale der Bank leitet. Man lernt sich kennen, ist sich sympathisch, trifft sich, feiert. Dann allerdings: vier Jahre Funkstille. Der Grund ist dramatisch. In Dea Lohers jüngstem Stück „Am schwarzen See“, das Andreas Kriegenburg Ende Oktober in Berlin uraufgeführt hat, zeigt sich erst nach und nach das ganze Ausmaß der Katastrophe.

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Sind die Eltern eines toten Liebespaares: Meinolf Steiner und Andrea Strube (Mitte) und Andreas Jeßing und Nadine Nollau.

Quelle: Müller

Die beiden Teenager-Kinder der Paare hatten sich ineinander verliebt, dann nahmen sie sich gemeinsam das Leben. Der polnische Regisseur Wojtek Klemm hat das Stück im Deutschen Theater Göttingen inszeniert.

Der Eiserne ist im Theater die metallene Wand, die im Falle eines Brandes Bühne und Zuschauerraum hermetisch von einander trennt. Wenn Klemm den Eisernen vor der Vorstellung unten lässt und mit Beginn nach oben fährt, ist das ein erstes von vielen einfachen, aber schlagenden  Bildern, die der Regisseur für das gefunden hat, was auf der Bühne passiert.

Dadurch dass sich die Ehepaare treffen, wird die Hermetik aufgehoben, in der sie seit dem Tod der Kinder leben. Vor dem Treffen sträuben sich alle dagegen, rennen fort, halten sich auf, zweifeln, winden sich und reden sich gut zu. Das hat Efrat Stempler als Einstiegstanz choreographiert.

Dann treffen Johnny und Else im Haus der Brauereibesitzer Eddie und Cleo ein, ein Haus mit Blick auf den Schicksalssee.  Und dann stellt sich die eine große Frage: Warum haben die Kinder sich umgebracht. Diese Frage überlagert alles und macht es dem Regisseur und dem Ensemble nicht eben leicht. Klar ist, dass sich dieses Treffen ausschließlich um die Suche nach dem Grund dreht. Aber es ist zu spät. In 90 Theaterminuten erfahren die Protagonisten viel über sich selbst und wenig über ihre Kinder und deren Leben. 

Aus dieser Ausgangslage hat Klemm, musikalisch unterstützt von dem Komponisten und Musiker Micha Kaplan, einen ungeheuer dichten und emotionalen Abend geformt. Immer wieder dringt er in die Tiefe vor, dann wieder schafft er Raum zum Verschnaufen, wenn er die Figuren in kurzen Passagen artifiziell agieren lässt.

Klemm zeigt dabei viel Gespür für Rhythmik und Spannungsbögen ­– und für die Führung seiner Schauspieler. Gemeinsam mit den Akteuren hat er fein gezeichnete Charaktere entwickelt. Die vier sind in der gleichen verzweifelten Lage und gehen doch so unterschiedlich damit um.

Meinolf Steiners Brauereichef Eddie ist ein großherziger und großzügiger Mensch, dem allerdings das Geschäftliche abgeht. Das bringt Cleo mit, die Andrea Strube mit ganz großer Eindringlichkeit spielt. Andreas Jeßing ist als Bankdirektor Johnny tatkräftig, ein wenig hemdsärmelig und nicht so loyal seiner Gattin gegenüber wie die sich das wünscht.

Nadine Nollau zeigt die herzkranke Else mit einer wohl austarierten Mischung aus Zerbrechlichkeit und Stärke. Dabei müssen die Schauspieler mit einer großen Einschränkung leben, die irgendwie über dem ganzen Abend schwebt: Die Dimension der Katastrophe lässt nur Verzweiflung zu, andere Emotionen haben hier keinen Platz mehr.

Es gehört schon eine Menge Theater-Enthusiasmus dazu, vier Menschen eineinhalb Stunden bei der Trauerbewältigung zuzuschauen – oder die Lust auf große Regiearbeit, beeindruckendes Schauspiel und die Sprachkunst Dea Lohers.

Weitere Vorstellungen: 20. Dezember sowie am 7., 15. und 25. Januar im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 1. Kartentelefon: 0551/496911.
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