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Ziemlich zynisch und teilweise witzig

Die Kinostarts ab Donnerstag Ziemlich zynisch und teilweise witzig

Eine große Portion Zynismus bietet "Happy End" ab Donnerstag Göttinger Kino-Besuchern. Außerdem bricht in "What happened to Monday" der Aufstand der Schneewittchen los und einige Schauspieler aus der DDR wollen abhauen. Die Kinostarts ab Donnerstag, 11. Oktober.

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Filmszene mit der Schauspielerin Isabelle Huppert aus dem Film "Happy End",

Quelle: dpa

Blind für die Welt

"Happy End“

Von Stefan Stosch

Als Farce hat Michael Haneke seinen Film angekündigt, und zumindest der Titel ist tatsächlich ein böser Witz: „Happy End“. Nichts endet hier happy, sieht man einmal davon ab, dass ein lebensmüder Alter mit seinem Selbstmord einfach nicht vorankommt. Aber dieser Alte fände ja nun gerade gerne ein Ende für seine nach eigener Einschätzung schon überlange Existenz auf Erden.

Klar ist jedenfalls, dass Haneke seine Altersmilde wieder abgelegt hat, die im vorigen Film die Oberhand zu gewinnen schien. In „Liebe“ (2012) erlöste ein liebender Ehemann seine schwerkranke Frau von ihrem Leiden. In „Happy End“ wird von einem ähnlichen Fall erzählt, aber dieses Mal zeigt sich Haneke wieder als geübter Zyniker.

Wie bei einem Best-of-Album tippt er im aktuellen Film seine bevorzugten Themen an – was ja nicht unbedingt heißt, dass auch der beste Film dabei herauskommt, was hier nicht der Fall ist. Wir finden Verweise auf die brutalen Folgen des Medienkonsums (wie in „Benny‘s Video“ oder „Funny Games“), latenten Rassismus und uneingestandene Schuld („Caché“), Gefühlskälte („Die Klavierspielerin“) oder gesellschaftliche Verhärtungen (am stärksten verdichtet in „Das weiße Band“).

Eine großbürgerliche Familie in Calais dient dem Österreicher nun als Mikrokosmos, um von der Entsolidarisierung und Sprachlosigkeit unserer Gesellschaft zu erzählen. Die Hafenstadt am Ärmelkanal ist selbstverständlich gezielt gewählt: Hier reißen die französischen Behörden alle paar Jahre wieder Flüchtlingscamps ein, und schreckliche Bilder von Gewalt und Elend gehen um die Welt.

Doch bekommen wir die Flüchtlinge in diesem Film nur aus der Distanz zu Gesicht: erst bei einem Gespräch des Großvaters weit entfernt auf der anderen Straßenseite, bei dem er vermutlich um Unterstützung für seinen Suizid anfragt (auf die Distanz versteht man nicht, was gesprochen wird), und dann in einer bösen Pointe bei einer Hochzeitsfeier. Ansonsten leben die Laurents in einer Blase. Sie haben genug mit sich selbst zu tun, als dass sie die Augen für die Welt öffnen könnten.

Die Laurents haben ein Bauunternehmen, ein großzügiges Palais, ein marokkanisches Bedienstetenpaar (einmal sarkastisch „unsere marokkanischen Sklaven“ genannt) – und jede Menge Lebenslügen und Geheimnisse unterm dicken Teppich. Der altersschwache Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant) will einfach nicht mehr. Tochter Anne (Isabelle Huppert) ist längst die eigentliche Anführerin des Clans, möchte aber klammheimlich ein neues Leben fernab der Familie beginnen. Annes Sohn Pierre (Franz Rogowski) fühlt sich als Versager und ist tatsächlich auch einer. Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) lebt seine sexuellen Fantasien im Internet aus, seine Frau hat gerade ein Baby von ihm bekommen.

Und jetzt ist auch noch die kleine Ève (Fantine Harduin) eingezogen, Thomas’ Tochter aus erster Ehe, deren Mutter wohl einen Selbstmordversuch unternommen hat. Ève ist das traurigste Kind der Welt, das niemals lacht. Vielleicht entwickelt sich gerade deshalb ein unsichtbares Band zwischen Enkelin und grantelndem Großpapa.

Manche Kritiker haben „Happy End“ wegen seiner erstaunlich ähnlichen Familienkonstellationen als Fortschreibung von „Liebe“ gesehen –  zumal ähnliche Rollen mit denselben Schauspielern besetzt sind, Trintignant und Huppert waren auch da schon als Vater und Tochter zu sehen. Aber das ist eine falsche Fährte, die der ausgefuchste Haneke gelegt hat.

Die gegenseitige Anteilnahme der Figuren im vorigen Film ist hier wie weggewischt. Wenn in „Liebe“ eben jene das Antriebsmoment war, dann ist es hier das Fehlen einer bindenden Kraft zwischen den Laurents. Gräben tun sich auf zwischen den Generationen, zwischen Mann und Frau und zwischen Einheimischen und Fremden sowieso.

Es dauert, bis der Zuschauer all das kapiert. Die Erklärungen für das, was gerade passiert, liefert Haneke immer erst mit Verzögerung nach. Aus diesem Kunstgriff sollen Spannungsmomente entstehen, aber in der Wiederholung wirkt diese dramaturgische Idee wie eine Verschleierungstaktik, um zu kaschieren, wie geheimnislos diese Geschichte letztlich ist. Immerhin: Eine Zwölfjährige entpuppt sich als Giftmischerin, und ein Klohäuschen auf einer Großbaustelle stürzt unglücklich mit einem Nutzer darin in die Tiefe.

Irgendwie sollen auch die sozialen Medien an der Sprachlosigkeit bei den Laurents schuld sein: Mehrfach blicken wir auf die senkrechten Bilder einer Handykamera, folgen länglichen Internet-Chats und sind auf Youtube dabei. Doch die Versuche, die moderne Medienwelt haftbar zu machen für die Isolation, wirken hilflos.

Zumindest seziert Haneke die Laurents in wunderbar aufgeräumten Bildern. Er schert sich wenig darum, dass auch die Anteilnahme der Zuschauer bei so viel Distanz abkühlt. Die Filme des 75-jährigen Regisseurs ähnelten schon immer einem Versuchslabor, in dem menschliche Deformationen analysiert wurden. Hier übertreibt Haneke es mit der Sterilität. Die „Vergletscherung der Gefühle“, wie der Österreicher seine frühen Filme überschrieb, führt zur Erstarrung.

Um nicht zu negativ zu klingen: „Happy End“ hat immer noch mehr über unsere Wirklichkeit zu sagen als viele andere Filme. Michael Haneke gilt nicht ohne Grund als einer der klügsten Regisseure unserer Zeit, auch ein weniger gelungenes Werk lohnt den Besuch. Und doch gerät seine Gesellschaftsanalyse hier in Gefahr, zu einer Routineübung zu werden. 

„Happy End“, Regie: Michael Haneke,107 Minuten, FSK 12, Cinemaxx

Theater bevorzugt: Schauspieler Jean-Louis Trintignant

Roger Vadim machte Jean-Louis Trintignant 1956 zum Star für zunächst kurze Zeit – er spielte neben Brigitte Bardot und Curd Jürgens in „... und ewig lockt das Weib“. Als ihm die Medien wegen einer Affäre mit der Bardot zu Leibe rückten, floh er zum Militär. Erst 1966 hatte er mit Claude Lelouchs Romanze „Ein Mann und eine Frau“ neben Anouk Aimée seinen nächsten Riesenerfolg.
Danach war Trintignant der Mann für die undurchsichtigeren Figuren, für die Mordgesellen und eifersüchtigen Ehemänner. Er  spielte in Costa-Gavras Politthriller „Z“ (1969), war neben Romy Schneider in  „Das wilde Schaf“ (1974) zu sehen, lehnte die Hauptrolle in Bertoluccis „letztem Tango“ (1972) indes ab – wegen zu vieler Nacktszenen.

Der 86-Jährige bevorzugt heute das Theater, bei dem der Sohn eines Industriellen früher weniger Anklang gefunden hatte. Nur für Michael Haneke stellt er sich vor die Filmkamera – 2012 schon einmal in „Liebe“ mit der inzwischen verstorbenen Emmanuelle Riva.

Die sieben Schneewittchen

„What Happened to Monday?“

Von Matthias Halbig

Die junge Frau macht sich fertig fürs Büro. Ihre Haut ist milchweiß, das Haar rabenschwarz, ihre Lippen sind kirschrot. So weit man das in der Masse der Menschen ausmachen kann, ist sie auch die Schönste im ganzen Land. Nur gibt es dieses Schneewittchen nicht ein-, sondern siebenmal. Siebenlinge in einem Staat, in dem eine Ein-Kind-Politik herrscht. Die wird von Nicolette Cayman (Glenn Close) durchgesetzt, der Chefin des Child Allocation Bureau, die überzähligen Nachwuchs in einen kryonischen Schlaf schickt, um sie dereinst in einer nicht mehr übervölkerten Welt aufzutauen. Eine böse Ideologin, die jetzt in den Wahlkampf ziehen möchte, um böse Königin oder besser böse Präsidentin zu werden.

Der Norweger Tommy Wirkola, („Hänsel & Gretel – Hexenjäger“), kommt nicht los von den Gebrüdern Grimm. In seiner dystopischen Zukunftsmär „What Happened to Monday?“ gibt es auch einen (bis zuletzt gnadenlosen) Jägersmann und einen rettenden Prinzen. Als – einziger – hilfreicher Zwerg wäre der Opa der sieben Schwestern (Willem Dafoe) zu verzeichnen. Er lässt seine sterbenskranke Tochter heimlich entbinden, lässt die Kinder von seinen Tellerchen essen, zieht sie in einem Versteck groß, bis sie alt genug für die Schule sind.

Danach dürfen Monday, Tuesday, Wednesday und so fort jeweils an dem Wochentag, nach dem sie benannt sind, nach draußen – immer unter der offiziell registrierten Identität von Karen Settman. Sie müssen ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse abends den anderen mitteilen, damit sie Anschlussfehler vermeiden. Als die rebellische Monday bei einem Ausflug mit dem Skateboard eine Fingerkuppe verliert, muss der Großvater auch alle anderen Mädchen verstümmeln. So werden sie groß, bleiben unentdeckt, bis eines Montags Monday nicht mehr von der Arbeit zurückkehrt. Ist die Falle aufgestellt? Kommt, wenn Tuesday am Dienstag ins Büro geht, alles ans Licht?

Noomi Rapace bewältigt ihre Siebenerrolle souverän, wobei die Figuren notgedrungen skizzenhaft bleiben: Es gibt die trotzige Schwester, die angepasste, die blonde Sexbombe, den Computernerd und so weiter. Als Caymans Häscher zugreifen – Glenn Close ist eine Mischung aus Hexe und BDM-Walküre –, erweisen sich die Schneewittchen als wehrhaft wie Kurosawas  sieben Samurai. Ob der verblichene Opa all die Jahre auf Martial-Arts-Training Wert legte, oder es im Actionkino einfach so ist wie in dem Carl-Douglas-Oldie – „(Every-body was) Kung-Fu Fighting“ –, sei dahingestellt. Wiewohl der Film in der Folge Gefecht und Krawall zeigt, bleibt er doch fest in seiner finsteren Sphäre und hält uns in Atem.

Bis er dann mit einem Ende aufwartet, das so grimmig ist wie das von Richard Fleischers „Jahr 2022 ... die überleben wollen“ (1973). Auf die alte Märchenschlussfloskel „Und wenn sie nicht gestorben sind“ sollte man hier jedenfalls nicht vertrauen.

„What Happened to Monday?“, Regie: Tommy Wirkola, 123 Minuten, FSK 16, Cinemaxx

Der doppelte Erich

„Vorwärts immer!“

Von Jörg Brandes

Ostberlin, kurz vor dem Mauerfall: Staatsschauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) probt an einem nicht genehmigten Stück, in dem er Erich Honecker mimt. Tochter Anne (Josefine Preuß) will sich mit dem Politaktivisten August (Jacob Matschenz) einen Westpass besorgen. Dazu fährt sie nach Leipzig, wo August auf der Demo am 9. Oktober 1989 filmen will. Als ihr Vater hört, dass auf die Protestler geschossen werden soll, fasst er einen verrückten Plan: Er will er sich als Honecker ins Zentralkomitee einschleichen, den Befehlswiderruf ins Telefon nuscheln und wieder verschwinden.

Wie wir heute wissen, wurde nicht geschossen. Die Begründung, die „Vorwärts immer!“ dafür findet, weckt unweigerlich Erinnerungen an die Verwechslungskomödie „Sein oder Nichtsein“, in der eine als Nazis verkleidete polnische Schauspielertruppe die deutschen Besatzer narrte. Franziska Meletzkys Film kann sich nicht mit Ernst Lubitschs Klassiker messen, hat aber neben Klamauk Szenen von geradezu brillanter Doppelbödigkeit zu bieten. Und wenn der falsche Honecker schließlich auf den echten trifft, wird’s herrlich absurd.

„Vorwärts immer!“, Regie: Franziska Meletzky, 90 Minuten, FSK 12 Cinemaxx

Eine lange, unfreiwillige Reise

Ein Sack voll Murmeln

1941, im besetzten Paris, müssen viele um ihr Leben bangen, darunter auch die jüdische Familie des Friseurs Joffo. Roman und Anna, die Eltern, planen, ins nicht besetzte Südfrankreich zu gehen. Doch als komplette Familie zu reisen, wäre zu auffällig angesichts der Bedrohung durch die Deutschen. Deshalb schicken sie Jo und Maurice, die beiden jüngsten Kinder, voraus. Ausgestattet mit Landkarten, Adressen und Geld machen sich die beiden auf die lange Reise. Gemeinsam bewältigen sie gefährliche Situationen. Doch auch die Mittelmeerküste bietet nur begrenzt Schutz. r

"Ein Sack voll Murmeln", Regie: Christian Duguay, Frankreich 2017, Lumiere

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