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21:35 26.04.2017
Quelle: HAZ
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Kosmische Karnevalisten

„Guardians of the Galaxy Vol. 2“

Von Stefan Stosch

Hat der schlecht gelaunte Weltraum-Schmuggler Han Solo je von David Hasselhoff geträumt? Haben es die heroischen Avengers je mit einer Art goldbronzen glänzendem Sonnenstudio-Völkchen zu tun bekommen, das sich für das schönste im ganzen Universum hält? Hat Superman es je gewagt, das Wort Penis in den Mund zu nehmen? Nicht, dass wir uns erinnern könnten.

Im Kino herrscht zwar mittlerweile eine schwer erträgliche Inflation von Superhelden, aber die allermeisten sind doch melancholische Typen, die ein schweres Päckchen mit sich herumschleppen und zum Lachen in den Mondschatten gehen. Dann aber eroberten vor drei Jahren die „Guardians of the Galaxy“ die Leinwand und wollten vor allem eines haben: ihren Spaß.

Mit dieser schrillen Truppe um einen angeberischen „Star-Lord“ alias Peter Quill (Chris Pratt), einen genetisch frisierten Waschbären (im Original mit der Stimme von Bradley Cooper), einen tumben Muskelberg (Wrestler Dave Bautista), eine Killer-Amazone (Zoe Saldana) und einen sprechenden Baum namens Groot (die Stimme von „Fast & Furious“-Mann Vin Diesel) schien Marvel vor drei Jahren endlich mal etwas zu riskieren. Regisseur James Gunn versammelte eine Bande von Außenseitern, denen der weit verästelte und mittlerweile zu Disney gehörende Comic-Konzern bislang bestenfalls einen Platz im hinteren Heftchenregal zugewiesen hatte. Und nun legten diese knorrigen Proleten weltweit einen echten Sensationserfolg an der Kasse hin. Die Sehnsucht beim Publikum nach etwas anderen Helden war offenbar groß.

Damit war aber auch klar: Das würde Folgen haben. Hollywood glaubt an das Gesetz der Serie – auch auf die Gefahr hin, jede halbwegs originelle Schöpfung irgendwann als x-fach ausgewrungenes Massenprodukt enden zu lassen. Nun also startet das zweite Abenteuer der Weltraumwächter, und siehe da: Dem Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, ist es weitgehend gelungen, den anarchischen Charme zu bewahren. Diese Superhelden ziehen immer noch wie eine unter Drogen gesetzte Karnevalistentruppe los und zerdeppern, was sich ihnen in den Weg stellt. Manchmal sieht das zwar schrecklich brutal aus, wird aber durch Humor leidlich abgefedert.

Allein die Eingangssequenz: Da kämpfen die vier aus dem ersten Teil verbliebenen Guardians wie immer mit letztem Einsatz gegen eine gierige Tentakel-Kreatur mit riesigem Schlund, und was kriegen wir davon zu Gesicht? Vornehmlich ein Nachwuchspflänzchen auf zwei Beinen namens Baby-Groot, das versonnen zur Musik tanzt und von dem Tohuwabohu um sich herum gar nichts mitbekommt. So wichtig ist so eine Ballerei ja nun auch wieder nicht – und bei den Guardians hat die Popmusik schon von Anfang an eine besondere Rolle gespielt. Das ist mit einem neuen Mixtape auch wieder so.

Schon dieser Beginn zeigt aufs Schönste das Prinzip: Der Regisseur stellt seine Guardians mit Haut, Haar und auch Holz in den Dienst des Genres, aber nimmt sich dabei alles andere als bierernst. Neuzugang Baby-Groot ist fortan drauf und dran, den anderen die Show zu stehlen – wäre da nicht der zynische Waschbär Rocket, der nach wie vor keinesfalls Waschbär genannt werden möchte, nebenbei sein eigenes Ding durchzieht und seine Guardians damit zu Gejagten macht.

Ach ja, so fängt diese Geschichte an, die wie schon im ersten Film nicht wichtig ist, sondern vor allem dazu dient, es ordentlich krachen zu lassen. Killer-Amazone Gamora muss sich mit ihrer noch tödlicheren Schwester Nebula (Karen Gillan) arrangieren. „Star-Lord“ Peter geht auf die Suche nach seinem Vater und trifft auf einen brillant geföhnten Kurt Russell, der als „Ego“ vom Ende des Universums träumt.

So viel Familienbande ist gefährliches Terrain, weil anfällig für Gefühlsduselei. Doch sorgt Rocket im Zweifelsfall für Abhilfe, wenn er jede „Dramaqueen“ zum Schweigen auffordert. Das ändert nichts daran, dass die Weltraumwächter am Ende doch ein paar Tränen verdrücken. Ein bisschen Pathos nach so viel Schabernack ist aber erlaubt.

Beinahe würde man sich mehr von diesen Guardians wünschen. Aber das muss man gar nicht. Hollywood wird auch diesen Helden keine Ruhe lassen, schon bei „Avengers: Infinity War“ sollen sie einen Auftritt haben. Dabei weiß doch jeder: Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören. Und was gibt es Schöneres, als den erdenschweren Kämpfer Sylvester Stallone bei einem winzigen Ausflug ins All zu entdecken?

„Guardians of the Galaxy Vol. 2“, Regie: James Gunn, 133 Minuten, FSK 12, Cinemaxx, Neue Schauburg Northeim, Kinowelt Herzberg

Jetzt auch mit Sixpack: Schauspieler Chris Pratt

Dreißig Sekunden brauchte Regisseur James Gunn, um sich davon zu überzeugen, dass Chris Pratt der richtige Mann für die „Guardians“ ist. Auch wenn Pratt sich nicht in Heldenform gebracht hätte, so der Regisseur später, hätte er sich für ihn entschieden und ihm zur Not per Computertrick ein Sixpack auf den Leib zaubern lassen. Musste er aber nicht: Pratt speckte 30 Kilogramm ab.

Chris Pratt wuchs in Lake Stevens im US-Staat Washington auf. Bekannt wurde er durch die Fernsehserien „Everwood“ (2002) und „O. C. California“ (2003). Das Kinopublikum kennt ihn von Nebenrollen in Filmen wie dem Baseballdrama „Moneyball“ (2011) mit Brad Pitt, dem Politthriller „Zero Dark Thirty“ (2012) über die Jagd auf Osama bin Laden und der Scifi-Romanze „Her“ (2013).

Seit seinem Auftritt als Peter Quill alias „Star-Lord“ in „Guardians of the Galaxy“ gilt er als Mann für Hauptrollen. Pratt war in so verschiedenen Filmen wie „Jurassic World“ (2015) und „Die glorreichen Sieben“ (2016) zu sehen. Den Star-Lord wird er auch in „Avengers: Infinity War“ spielen, dem nächsten Auftritt der Heldentruppe um Iron Man und Co., angekündigt für 2018. Auch unter die Riesenechsen begibt sich Pratt 2018 wieder – im noch namenlosen Sequel von „Jurassic World“.

Chris Pratt ist mit der Schauspielerin Anna Faris („Scary Movie“, TV-Serie „Mom“) verheiratet. Er liebt Pflanzen, Reptilien, Amphibien und hat fünf Goldfische, die Pinky, Brain, Jowels, Pearl und Sandy heißen. Zum Stressabbau singt er unter der Dusche, auch auf Deutsch, das er einigermaßen beherrscht. Big

Seichte Komödie

„Happy Burnout“

Ein paar bittere Momente gibt es, aber sie bleiben die Ausnahme. Ansonsten ist die Komödie „Happy Burnout“ ein Wohlfühlfilm – trotz prominenter Schauspieler wie Wotan Wilke Möhring, Anke Engelke oder Julia Koschitz. Dabei steht ein ernstes Thema im Mittelpunkt: Regisseur André Erkau versucht, dem Burnout mit Humor beizukommen.

Mit psychischer Erschöpfung hat Altpunk Andreas (Wilke Möhring), genannt Fussel, allerdings nichts am Hut. Fröhlich verspielt lebt er in den Tag hinein. Das Geld überweist das Jobcenter. Aber jetzt will das Amt ihn sanktionieren. Fussel bleibt nur eins: Er muss einen Burnout vortäuschen und sich für ein paar Wochen in eine Klinik einweisen lassen.

Dort lernt er eine Handvoll Mitpatienten kennen, die tatsächlich unter ernsthaften Problemen leiden. Angesichts ihrer Schicksale beginnt er, sein Leben zu überdenken. Diese Geschichte ist nicht nur arg vorhersehbar, sondern kommt auch klischeehaft daher. Fussels Mitpatienten in der Klinik wirken wie Abziehbilder aus einem Album der Küchenpsychologie.

„Happy Burnout“, Regie: André Erkau, 102 Minuten, FSK 6, Cinemaxx

Radikalisierte Teenager

"Der Himmel wird warten"

Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar ("Die Schüler der Madame Anne") erzählt den Kinobesuchern anhand zweier Geschichten von Radikalisierungs-Mechanismen im 21. Jahrhundert. Da ist zum einen Mélanie, ein scheinbar ganz normaler Teenager mit gutem Verhältnis zu seiner Mutter. Eines Tages aber lernt die junge Frau im Internet einen islamistischen Fanatiker kennen und auch Melanie beginnt, sich zu radikalisieren.

Sylvie, Mélanies Mutter, macht sich schließlich auf nach Syrien, um ihre Tochter zu suchen. Auch Sonia, erst 17 Jahre alt, findet Gefallen an radikalem Gedankengut. Und ist eines Tages sogar dazu bereit, im Namen des Dschihad einen Anschlag in ihrer Heimat zu begehen.

"Der Himmel wird warten", Frankreich 2016, 105 Min., FSK ab 12, Lumiere

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