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Die Kunst der Entschleunigung

Lambchop in Kassel Die Kunst der Entschleunigung

Ursprünglich ein Kollektiv von bis zu 18 Musikern, die alle noch anderen Jobs nachgingen, ist Lambchop unter Mastermind Kurt Wagner inzwischen zu einer der wichtigsten und innovativsten Bands Amerikas geworden. Im Kasseler Kulturzelt breiteten sie einen Wohlfühlteppich mit entschleunigten Grooves aus.

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Alternative Country-Soul mit der amerikanischen Band Lambchop im Kasseler Kulturzelt.

Quelle: Linnhoff

Kassel. Wagners musikalische Karriere begann Mitte der 80er Jahre mit Auftritten im Plattenladen seiner Ehefrau. Inzwischen hat seine Band Lambchop von der Presse hochgelobte Alben wie „Is A Woman", „Damaged“ oder „Mr. M“ veröffentlicht. Neben der Musik widmet sich Wagner seit einigen Jahren auch der Malerei. Einige seiner Bilder zieren die Cover der letzten Alben.

Ursprünglich im Alternative-Country-Bereich zu Hause hat sich Wagner nicht zuletzt seiner Frau zuliebe mit dem aktuellen Album „Flotus“ erstmalig auch elektronischer Experimente mit dezenten Einflüssen von R'n'B und Hip Hop verschrieben. Das Album wurde von „Der Zeit“ als „...Country für Leute, die Country nicht mögen...“ bezeichnet.

Wagners Musik war von Beginn an in keine Schublade zu stecken. Er experimentierte mit Country- Folk und Souleinflüssen, garnierte das Ganze mit ein wenig Jazz und schuf so im Laufe der Zeit diesen ganz eigenen von Stimme und Piano geprägten Lambchop-Sound. Und nun sind die gewohnt entspannten Songs mit pluckernder weicher Drummachine unterlegt, während Wagner seiner per Elektronik künstlich verzerrten Stimme ganz neue Facetten entlockt.

„Once there was a writer, now a reader...“ sind die ersten Worte dieser magischen das Mikrofon umschmeichelnden Stimme von Wagner. Aber bevor er den Song „Writer“ vom aktuellen Album anstimmen kann spielt ihm die Technik einen Streich. Die Beats und Rhythmen kommen vom Band und der Rechner muss erst mal neu gestartet werden. „Does anybody know how this works...“ ist sein lakonischer Kommentar dazu.

Für Lambchop Verhältnisse sind sie mit ganz kleiner Besetzung angereist. Am Flügel begleitet ihn sein langjähriger Partner Tony Crow und für die tiefen Töne ist Matt Swanson am E-Bass verantwortlich. Mehr braucht es nicht an diesem Abend, um die Besucher des Kulturzeltes eintauchen zu lassen in die magisch entspannte musikalische Welt eines Kurt Wagners.

Dieser räkelt sich beim Singen förmlich um das Mikrofon, scheint es mit seiner tiefen wohligen Stimme zu umgarnen, während seine Hände mit der ihn umgebenden Elektronik spielen. Ihre Musik ist  pure Entschleunigung mit tranceartiger Wirkung. Hin und wieder greift Wagner zur E-Gitarre. Aber auch dieser entlockt er nur zart angespielte Töne.

„The Hustle“, das in epischer Breite über mehr als 18 Minuten angelegte Schlussstück des aktuellen Albums, ist im Konzert trotz der dezenten Beats die schlichte Entdeckung der Langsamkeit. Die Band verzichtet auf die lange Einleitung des Stücks und spielt eine verkürzte Fassung, die Crow mit seinem wunderbar einfühlsamen Pianospiel veredelt. Mit den Zeilen „I don't want to leave you ever
, and that's a long long time...“ schmeichelt sich Wagners einzigartige Stimme in das Stück. Dem ursprünglich recht flotten „Gone Tomorrow“ vom Album „Mr.  M“ verpassen sie ebenfalls ein entschleunigendes Kostüm.

Zwischendurch verlässt das Trio doch mal mit für ihre Verhältnisse geradezu ekstatischen Ausbrüchen von Stimme und Klavier ihren ausgelegten Wohlfühlteppich. Zu Crows jazzigen Pianoläufen wirbelt Wagner förmlich um sein Mikrofon.

Für das begeistert ergebene Publikum gibt es noch „a couple of more songs“  als Zugabe. Ein Abend mit großem Wohlfühlcharakter.

Von Jörg Linnhoff

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