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00:28 28.05.2018
Mechanisch: „Mann-es-Mannbild“ (1918/19) von Robert Michel. Quelle: VG Bild-Kunst Bonn
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Hannover

Die Flossen dieses transparenten Fisches wedeln nur maschinell, denn in seinem Inneren laufen Kolben und Zahnräder – so mechanisch wie bei „Urfische“ (1920) geht es auf den meisten Bildern von Robert Michel zu. Der Kuss der zwei gleichfalls transparenten Roboter direkt daneben könnte beiden indes durchaus ins Mark gehen, denn in ihrem Inneren springen die Wirbelfortsätze des Rückgrats ins Auge – und so organisch wie bei „Bios-Blatt“ (1920) sind auch viele Bildwelten von Ella Bergmann-Michel.

Zwei Künstler, ein Paar, zwei eigenständige künstlerische Positionen: Dieses Spannungsverhältnis lässt sich jetzt im Sprengel-Museum erleben – in einer Ausstellung, die den mit der Avantgardekunst im Hannover der Zwanzigerjahre eng verbundenen Künstlern Ella Bergmann-Michel (1895–1971) und Robert Michel (1897–1983) gewidmet ist und ihre Werke oft nebeneinander in Dialog setzt. „Die Arbeit dieses Künstlerpaars ist sehr spezifisch für Hannover“, sagt Museumsdirektor Reinhard Spieler. „Sie ist für uns daher hochinteressant und wichtig.“

Pioniere der Collage

In Hannover ist das Paar freilich nicht unbekannt. Einige seiner Werke waren zuletzt bei „Revonnah“, der Zwanzigerjahreschau des Sprengel-Museums, zu sehen. Doch die letzte große Ausstellung liegt 30 Jahre zurück – und basiert auf gleichsam kunstarchäologischem Forscherglück bei der (Wieder-)Entdeckung der Moderne. „Ich war damals völlig fasziniert von diesem Bilderreichtum“, erinnert sich Norbert Nobis, der frühere Grafik-Kurator des Hauses, an seine Entdeckung eines Kunstschatzes, den die Nachkommen des Paares in Titisee im Schwarzwald „auf dem Dachboden“ gelagert hatten. Aufgrund seiner Initiative wurden die mehr als 2000 Arbeiten als Dauerleihgabe dem Sprengel-Museum überantwortet, was 1988 die erste große Ausstellung über das Künstlerpaar möglich gemacht hat.

Und nun also die Nachfolgeschau von der Nobis-Nachfolgerin Karin Orchard? Die Grafik-Kuratorin betont, die Ausstellung würdige nicht nur den Umstand, dass der Nachlass jetzt (in der Form einer Zustiftung zur Kunststiftung Bernhard Sprengel und Freunde) faktisch zur Schenkung an das Sprengel-Museum wird. Vielmehr fördere die Schau durchaus Neues zutage. Die Präsentation von rund 200 Werken in der großen Wechselausstellungshalle eröffnet tatsächlich neue Perspektiven. Leihgaben der Kunstsammlung Paderborn und der Pariser Galerie Mouchet dokumentieren nicht nur Zeichnungen, die auf dem Kunstmarkt der Zwanzigerjahre erfolgreich waren, sondern auch die sehr frühen Experimente mit Collagen. „Man kann diese Künstler tatsächlich Pioniere der Collage nennen“, sagt Orchard. „Sie haben damit schon 1917 gearbeitet, deutlich vor Kurt Schwitters.“

Mit Schwitters ist das Paar seit Studienzeiten in der Weimarer Kunstgewerbeschule befreundet, von den Kontakten des umtriebigen Dada-Künstlers hat es profitiert, mit ihm hat es korrespondiert und kooperiert. So haben Robert Michel und Kurt Schwitters am Wohnort des Paars im Taunus die Ideen für den „Ring neue Werbegestalter“ entwickelt, noch bevor Robert Michel Werbe-, Typografie- und Architekturentwürfe für Stadtplanungsprojekte wie „Das neue Frankfurt“ entwickelt hat.

Die beiden Künstler agieren in den Zwanzigerjahren als Grenzgänger zwischen Kunst und Alltag, neuen Wohn- und Baustilen, Lebensreform und Werbung. Design statt Bewusstsein? Während Robert Michel mit Werbung – für Söhnlein-Sekt, Hapag-Reisen oder auch Persil („Für alle Wäsche“) – erfolgreich ist, wendet sich Ella Bergmann-Michel der Fotografie und dem Film zu und setzt sozialkritische Akzente: „Erwerbslose kochen für Erwerbslose“ oder „Wie wohnen alte Leute?“ sind Titel ihrer erstaunlich aktuell wirkenden Stummfilme, die gleichfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Ein Filmprojekt mit dem denkwürdigen Titel „Die letzte Wahl“ kann Ella Bergmann-Michel 1932 nicht mehr realisieren.

Kulturbruch der Nazi-Zeit

In der Nazizeit verstummen beide weitgehend. Ella Bergmann-Michel greift wieder auf organische Muster zurück, malt etwa einen düster-depressiven „Dämonischen Vogel“, verpasst aber auch einer Zeichnung, die irgendwo zwischen Abstraktion und Figuration angesiedelt ist, den nach programmatischem Statement klingenden Titel „Mein Herz schlägt rot“. In der Nachkriegszeit greifen beide ihre künstlerischen Ausdrucksformen aus den Zwanzigerjahren wieder auf, was man vielleicht als Stagnation, vielleicht auch einfach als Treue zu sich selbst aufgreifen kann.

Auch diese Schau zeugt, ähnlich wie zuletzt die gleichfalls von Karin Orchard kuratierte Zwanzigerjahre-Ausstellung „Revonnah“, vom Kulturbruch der Nazi-Zeit, sie lässt ahnen, wie brutal damals die Avantgarde abgewürgt wurde. Schon allein deshalb ist diese Ausstellung einen Besuch wert – für alle, die die Hoffnungen dieser Moderne noch in ihr Recht gesetzt sehen wollen.

„Ella Bergmann-Michel und Robert Michel. Ein Künstlerpaar der Moderne“. Bis 2. September im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Für die heutige Eröffnung um 18 Uhr ist auch ein Gespräch mit Sünke Michel und Philipp Michel, den Angehörigen des Künstlerpaars, geplant.

Von Daniel Alexander Schacht

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