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Die treffen, die es verdient haben

Literaturherbst Die treffen, die es verdient haben

"Satire ist Gegenwehr.“ Das sagt ein Kenner, nämlich Thomas Gsella. Ab 1992 war er Redakteur, von 2005 bis 2008 dann Chefredakteur der Titanic. In der Kantine des Deutschen Theaters erzählt er davon, was gute Satire für ihn ausmacht, von der Furcht vor Altersmilde und dem Misstrauen.

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Von 2005 bis 2008 Chefredakteur der Titanic: Thomas Gsella.

Quelle: PH

Zunächst einmal: Gsella will mit seinen Texten nur „die angreifen, die es verdient haben.“ Diejenigen also, „die einem das Leben schwer machen“, sagt er. Und das sind für ihn zum Beispiel und in erster Linie „die Schlampen und Idioten der Politik“. Bei seiner Lesung später fallen Namen: Karl Theodor zu Guttenberg kündigt er als eine solche „Schlampe“ an. Viel schlimmere Verbrechen habe er begangen, als  seine Dissertation abzuschreiben: „Erst schickte der bizarre Freak / Vorsätzlich Menschen in den Krieg, / Die wurden dort zu Leichen“, dichtet Gsella. Thilo Sarrazin widmet er diese Verse: „Im Bundesvorstand einer Bank / Saß dieser deutsche Meister. / Sein Antlitz wirkt wie seelisch krank. / Der Grund: Er sieht die Geister / Und scheißt vom Arsch zum Boden hin / Die gülleklarsten Worte.“

„80 000 Menschen kaufen das“, sagt der Autor mit Blick auf seine alten Bücher und das neue, aus dem die Texte stammen: „Komische Deutsche“. Es klingt, als wolle er sagen: immerhin 80 000. Als sei er im Stillen enttäuscht, dass es nicht mehr sind.

Wichtig sei, dass man es den Gegnern „öffentlich zurückgibt“, sagt der 54-Jährige. Und Öffentlichkeit schafft Gsella unaufhörlich. Indem er unaufhörlich schreibt. Nicht nur über 16 Jahre hinweg als (Chef-)Redakteur der Titanic. Er hat auch mittlerweile 14 Bücher veröffentlicht. Und er schreibt für die taz, die Süddeutsche Zeitung und wie sie alle heißen, auch für die FAZ. (Obwohl „alte SA-Männer“ dann schrieben: „Das ist nicht mehr meine FAZ!“)

Aber Gsella sagt: „Die ganz wilden Jahre gehen vorüber. Der Rücken tut weh, die Texte werden milder.“ Und da fällt ihm gleich ein Gernhardt-Zitat ein: „Ist der Mensch nicht mehr im Bilde, bleibt ihm noch: die Altersmilde.“ Aber so solle es natürlich nicht sein, sagt Gsella und wedelt ein bisschen mit den Armen. Er haue heute nur nicht mehr so drauf wie früher. Trotzdem: Einen ernsten Roman werde er nicht schreiben. „Ich drifte doch immer wieder in die Komik ab“, sagt Gsella. Und nach einer kleinen Pause schiebt er  noch nach: „Weil ich dem Ernsten misstraue.“

Thomas Gsella: „Komische Deutsche“. Carl’s Books, 224 Seiten, 14,99 Euro.

Von Telse Wenzel

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