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10:49 31.10.2018
Lars Eidinger als Christian (l) und Bjarne Mädel als Georg in einer Szene des Films "25 km/h". Quelle: dpa
Göttingen

Diese Filme laufen ab Donnerstag, 1. November, in den Kinos der Region:

Mein Mofa ist meine Harley

Die entscheidende Regel für Roadmovies lautet: Wer sich auf eine Reise begibt, kommt am Ende bei sich selbst an. Dem Kinopublikum ist das klar. Nur die Betroffenen selbst ahnen davon seltsamerweise nie etwas. Aber sonst würde das Zuschauen ja auch keinen Spaß machen.

Christian und Georg haben noch ein paar andere Regeln für ihren Trip aufgestellt, zum Beispiel diese: Unterwegs muss die Speisekarte eines griechischen Restaurants auf einen Schlag von oben bis unten verputzt werden. Nachts muss eine schlafende Kuh auf der Weide umgestoßen werden. Sex und Drogen sind keinesfalls abzulehnen. Und am Ziel am Timmendorfer Strand wird in die Ostsee gepinkelt.

Nun ja, diese Regeln und noch ein paar mehr stammen aus einer Zeit, als die beiden Teenager und stolze Besitzer zweier Mofas waren. Das ist 30 Jahre her.

Nun ist der gestresste Manager Christian (Lars Eidinger, gerade auch als Nickelbrillenträger Bertolt Brecht im Kino) aus Singapur nach Löchingen in den Schwarzwald zurückgekehrt: Sein Vater ist gestorben – und Christians Bruder Georg (der „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel), heimatverwurzelter Schreiner, ist tief verletzt und richtig sauer. Denn erstens musste er sich allein um den krebskranken Vater kümmern, und zweitens kommt Christian sogar zur Beerdigung zu spät. 20 Minuten lang stand er im Taxi vor einer Schranke im Schwarzwald, der Bummelzug ruckelte einfach nicht heran.

Dieser Auftakt ist erst mal gelungen: Es herrscht Stillstand im Roadmovie. Zu diesem Zeitpunkt hat die Reise allerdings noch gar nicht richtig begonnen. Los geht es erst mitten in der Nacht nach der Beerdigung.

Da haben sich Christian und Georg schon ein wenig zusammengerauft und vor allem tüchtig betrunken, dann die Reiseregeln aus Teenagerzeiten sowie die Landkarte unter der verstaubten Tischtennisplatte und schließlich auch noch die beiden alten Mofas in der Garage gefunden. Denn diese Reise wird – siehe Filmtitel – mit „25 km/h“ und Zündapp-Technik unternommen. Es handelt sich folglich um ein eher entschleunigtes Unterfangen, was glücklicherweise nicht für die Art des Erzählens gilt. Da macht der Film tüchtig Tempo.

Ein Mann namens Mädel spielt Kultfiguren

Am Anfang spielte Bjarne Mädel (50) den üblichen Fernsehkleinkram – Rollen in Serien wie „Für alle Fälle Stefanie“, „Bella Block“ und diversen „SOKOs“. Und dann wurde er bei Pro7 2004 über Nacht zum Star, war in 46 Episoden der Verlierer Berthold Heisterkamp im Büro von „Stromberg“. Schon, dass ihn der boshafte Titelheld (Christoph Maria Herbst) nicht mit dem logischen Spitznamen „Bertie“, sondern mit „Bernie“ anrief, ließ den Zuschauer schwanken zwischen Mitleid und Fremdschämen.

Längst hat Mädel eine zweite Kultfigur im Gepäck. In der NDR-Serie „Der Tatortreiniger“ spielt er seit 2011 den Gebäudereiniger Heiko „Schotty“ Schotte, der an Tatorten Spuren menschlichen Ablebens beseitigt. Ein Hochamt von Geistesreichtum und Situationskomik, die siebte Staffel mit vier Folgen ist seit Mai abgedreht. Der Sendetermin ist noch offen.

Regisseur Markus Goller und Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg haben mit „Friendship!“ vor acht Jahren schon einmal ein erfolgreiches Roadmovie quer durch die USA abgeliefert. Auch jetzt bedienen die beiden wieder all die Klischees, die in so einem Kinostoff stecken. Aber sie lassen stets ironisch durchblicken, dass sie sich dessen bewusst sind, und kriegen immer noch die Kurve, bevor es rührselig oder gar peinlich wird.

Zwischen Klamauk und Lebensernst finden sie einen schlingerfreien Kurs Richtung Timmendorfer Strand – auch wenn die beiden Brüder erst einmal entscheiden, bei jeder zweiten Abfahrt links abzubiegen, was sie nicht wirklich voranbringt.

Vor allem aber verfügen die Filmemacher über Schauspieler, die beherzt die Sau rauslassen. Bis in die Nebenrollen ist diese Komödie exzellent besetzt. Eidinger hockt so lässig auf seinem Mofa (zwischendurch in Unterhose), als würde er eine Harley-Davidson unter seinem Hintern haben. Bjarne Mädel entwickelt sich vom zögerlichen Zweifler zum beherzten Entscheider, der wenigstens momenteweise alle Ängste ablegt und seinem Bruder tiefere Wahrheiten unter die Nase reibt.

Lars Eidinger als Christian (l) und Bjarne Mädel als Georg in einer Szene des Films "25 km/h". Quelle: dpa

Unterwegs sind wie auf jeder guten Reise Heldentaten zu bestehen: ein wahrlich begnadeter Stepptanz beim Weinfest (zwecks Eroberung zweier Lokalschönheiten, gespielt von Franka Potente und Alexandra Maria Lara), ein Fußballspiel mit Jugendlichen (um Christians Sohn zu begegnen, der aber nicht weiß, dass er seinen Vater vor sich hat), ein Abend in einem Selbsterfahrungscamp (mit einer gegen ihr „Fack ju Göhte“-Image besetzten, geradezu altersweisen Jella Haase) und ein Tischtennisspiel mit den Mofas als Wetteinsatz.

Das Tischtennismatch ist ein echter Höhepunkt: Der Gegner ist Wotan Wilke Möhring als Campingplatz-Hinterwäldler, der keine Gnade kennt. Bald schon ist er im Sauseschritt mit bester Kondition und Flitzebogen hinter den flüchtigen Mofafahrern her, die ihr Gefährt nicht hergeben wollen.

Zwischendurch fragt man sich, wie die Brüder die Beerdigungsanzüge samt weißem Hemd und Schlips jeden Morgen wieder in Form bekommen. Nur die glänzenden Lederschuhe kriegen ein paar Flecken. Am Ende hätten Goller und Ziegenbalg auch dem Impuls widerstehen sollen, partout jeden Konflikt zum Guten zu wenden.

Andererseits: Wenn Georg nach der Rückkehr nach Löchingen auf Tanja (Sandra Hüller mit tollem Schwarzwald-Dialekt) wartet, so wie er es schon seit ewigen Zeiten getan hat, um endlich mit ihr auf der Zündapp loszuknattern, dann wünscht man ihm von Herzen Glück – und dass er endlich seinen Beerdigungsanzug loswerden möge.

„25 km/h“, Regie: Markus Goller, mit Lars Eidinger, Bjarne Mädel, Sandra Hüller, Franka Potente, Alexandra Maria Lara, 116 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

Freddie Mercury im Märchenland

Ein Rockmärchen. Eine Popgruppe namens Smile spielt 1970 in Londoner Clubs vor überschaubarem Publikum. Just an dem Abend, an dem der Frontmann aussteigt, um Größeres zu unternehmen, ist Farrokh „Freddie“ Bulsara (Rami Malek) vor Ort, Sohn von Flüchtlingen aus Sansibar. Zunächst amüsiert sich Schlagzeuger Roger Taylor über den gewaltigen Überbiss des Aufschneiders. Dann lässt Freddie seine Stimme probeweise steigen. Und hat den Job. Queen sind geboren, aus dem Flughafengepäckträger Bulsara wird die Rockikone Mercury.

Es ist die Superheldengeschichte einer Band, schließlich hat „X-Men“-Regisseur Bryan Singer Regie geführt. Es gibt hier viele Gute und einen Schurken, der Freddie von Queen trennen will. Die Band besteht aus vier Freunden, die sich als Familie begreifen und meist nett zueinander sind. Gefechte laufen so harmlos ab wie bei den Beatles, als diese im Film „A Hard Day’s Night“ (1964) eine Comedy-Variante ihrer selbst spielten.

Sex und Drugs sind auch weitgehend gestrichen. Der ganze gefährliche Rock-’n’-Roll-Zinnober ist hier nur enttäuschendes Sissi-Zeug für Familienunterhaltung. Und wenn die Kamera ihren Blick über das Live-Aid-Publikum im Wembley-Stadion gleiten lässt, ist kein Queen-Skeptiker zu finden, der brummig ins Bier stierte. Ausnahmslos alle singen, feiern, schauen sich treuherzig in die Augen wie Susi und Strolch beim Spaghettidinner.

„Bohemian Rhapsody“ ist Rami Maleks Film. Der Sohn ägyptischer Eltern hat sich Haltung, Posen und Performance Mercurys exakt erarbeitet. Showtime! Die inneren Konflikte Mercurys – Entfremdung, Einsamkeit, Erkenntnis der Homosexualität – spielt Malek überzeugend, auch wenn dem Drehbuch zum Frühlingserwachen nicht mehr eingefallen ist als verstohlene Blicke auf knackige Kerlehintern.

„Bohemian Rhapsody“, Regie: Bryan Singer, mit Rami Malek, Lucy Boynton, 129 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

„Blackkklansman“: Schwarzer Humor

Spike Lee attackiert die rechten Nationalisten damals wie heute – und hat dabei richtig Spaß: Die Komödie „Blackkklansman“ erzählt von einem schwarzen Polizisten, der den Ku Klux Klan unterwanderte. Eine ausführliche Filmkritik lesen Sie hier.

„BlacKKKlansman“, Regie: Spike Lee, 138 Minuten OmU und DF, FSK 12, Lumière

„Nanouk“: Fremde Welten

Der Rentierhirte Nanouk und seine Frau Sedna leben nach alter Tradition in einer Jurte aus Rentierfellen in der wunderschönen, aber auch extrem lebensfeindlichen Eiswüste von Jakutien. Sie ernähren sich von Jagen und Fischen, doch das Leben dort wird immer schwieriger – durch den Klimawandel, der dafür sorgt, dass der Schnee jedes Jahr ein bisschen früher schmilzt, und durch eine mysteriöse Krankheit, die die Wildtiere dahinrafft. Eines Tages bekommen Nanouk und Sedna Besuch von einem jungen Mann namens Chena, der die einzige Verbindung zu ihrer Tochter Ága ist, die das Leben in der Weite der Natur hinter sich gelassen hat. Nanouk möchte seine Tochter noch einmal wiedersehen und kommt so schließlich in eine ihm völlig fremde Welt.

„Nanouk“, Regie: Milko Lazarov, 96 Minuten, FSK 6, Lumière

Von Stefan Stosch und Matthias Halbig

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