Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Dieter Nuhr in der Lokhalle Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Dieter Nuhr in der Lokhalle Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 05.12.2018
Dieter Nuhr in der Lokhalle Göttingen am Sonnabend. Quelle: heller_p
Göttingen

Zunächst die gute Nachricht: Dieter Nuhr ist wieder frecher geworden. Nachdem er 2014 von einem Muslim angezeigt wurde, der sich von Nuhrs Äußerungen über den Islam beleidigt fühlte, kam er auch in seiner Haus-Sendeanstalt ARD unter Druck. Nuhr wurde moderater, hielt sich (etwas) zurück. Jetzt aber ist die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen in seinen Bühnenshows wieder Thema.

Und wie. Wie früher verweist Nuhr auf das Zitat aus dem Koran, die Gläubigen seien aufgefordert, die Ungläubigen zu töten. „Ich finde das irgendwie unangenehm“, feixt Nuhr. Der größte Blödsinn sei das Ritual, nach einer weiteren Gräueltat regelmäßig zu behaupten, das habe „nichts mit dem Islam zu tun“. Danach wird der Satiriker ganz unwitzig: „Neun Zehntel aller Konflikte auf der Welt haben irgendetwas mit dem Islam zu tun. In vielen islamischen Ländern höre ich, Hitler war schon ganz okay, hat aber seinen Job nicht richtig zu Ende gebracht. Im arabischen Raum ist das Mehrheitsmeinung.“

Narkose im Kanzleramt

Aber schnell hat ihn die Satire wieder. Nuhr nutzt die Vorlagen, die ihm die Wirklichkeit bietet, virtuos und furios. „Kennt irgendjemand hier im Saal den aktuellen Kanzleramtsminister?“ Überraschenderweise murmelt einer aus dem Publikum den richtigen Namen. „Ja, Helge Braun, stimmt“, sagt Nuhr. „In seinem früheren Leben war der Mann Narkosearzt. Ich würde sagen, der hat im Kanzleramt einen richtig guten Job gemacht.“

Zwischendurch streut Nuhr immer wieder spitze Pointen ein. Beispiele gefällig? Definition des Nachrichtenmagazins „Spiegel“: „Die Bild-Zeitung für Leute, die gerne lange Sätze lesen.“ Die Große Koalition aus Sicht der SPD? „Eine Art Zwangsprostitution.“

Doch Nuhrs Stärke sind nicht die kleinen Sarkasmen und Sottisen, sondern der große Monolog mit scheinbar ziellos angetäuschten Gedankenketten, in Göttingen gut zweieinhalb Stunden mit einer kurzen Pause. Nuhrs Monolog, als Ganzes betrachtet, ist weder logisch noch kohärent. Das liegt aber nicht an Nuhr, sondern an der Welt, die er mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes zu beschreiben versucht, die aber alles Mögliche ist, aber gewiss nicht logisch oder kohärent.

Ätzend zynisch

Also nimmt sich Nuhr ebendiese Welt vor und macht sich mit Wonne daran, dieselbe samt ihren mehr oder minder offenkundigen Widersprüchlichkeiten auseinanderzunehmen. Und das nicht nur mit den Mitteln der Satire. Der gern simplifizierend als „Comedian“ bezeichnete Endfünfziger fährt darüber hinaus auch Sarkasmus, Blödelei, schale bis mittelprächtige Witze, ätzenden Zynismus und so ziemlich jedes andere Mittel der Wirklichkeitsverfremdung und -überhöhung auf, die ein „Comedian“ in den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts so zur Verfügung hat.

Und merkwürdigerweise auch solche Mittel, die weder etwas mit Komik noch mit Humor noch mit Satire undundund irgendetwas zu tun haben. Nuhr bedient sich vielleicht weniger unterhaltsam, aber genauso effektiv des (gesellschafts-)politischen Kommentars, wenn es darum geht, gesellschaftliche Entwicklungen und Gefahren aufzuzeigen. Genau hier zeigt sich: Im Grunde seines Herzens ist Nuhr konservativ. Zwar satirefähig, aber nicht verhandelbar ist ihm der Status der Menschenrechte in den freien europäischen Gesellschaften. Auch nicht von irgendeiner Religion: „Jeder soll das glauben, was er will. Ich will aber nicht, dass irgendwer meiner Tochter sagt, was sie anziehen soll.“

Stimmen in der Birne

Überhaupt habe er „damit nicht gerechnet, dass sich Religionen wieder so ausbreiten“. Warum nicht? Die Wissenschaft habe ganz andere und viel begründetere Antworten auf viele Fragen gegeben. Zum Beispiel: „Es muss nicht der liebe Gott sein, wenn man in der eigenen Birne was hört, was gar nicht da ist.“ Das Problem dabei: „Wissenschaft ist kompliziert. Viele Leute wollen nicht nachdenken und ziehen sich lieber einen Sack über den Kopf.“

Schon ist Nuhr wieder bei seiner Lieblingsreligion. Definition der Burka: „Sack, in den die ganze Frau reinkommt.“ Der Nikab: „Ein kleiner Sack mit einem Sehschlitz, damit die Frau nicht gegen eine Laterne läuft.“ Und dann, mit Blick auf die AfD und deren Führer Höcke und Gauland: „Wir brauchen ganz dringend eine Burka auch für Männer. Und die muss schalldicht sein.“

Zum Schluss seines Auftritts bringt Nuhr noch ein paar Urologenwitze, „die ich mir für mein Programm mal zusammengegoogelt habe“. Die seien auch nicht so richtig toll, kündigt er an. Stimmt auffallend.

Unter jedem Niveau

Durch rauschendem Beifall lässt sich Nuhr zu einer Zugabe überreden, hat aber ein Problem: „Mein Tablet zeigt mir, dass ich eigentlich alles abgearbeitet habe.“ Nach scheinbar diffusem Hin-und-her-Gerede die Lösung: „Noch ein Urologen-Witz. Leider ein ganz schlechter. Das war der erste, den ich gefunden habe.“ Aber sonst habe er nichts mehr.

Dann der Witz. Nuhr hat nicht zuviel versprochen – richtig schlecht, auch noch unter der Gürtellinie und unter jedem Niveau: Es geht um den Zusammenhang von Penislänge und Stottern.

Aber wie ihn Nuhr erzählt: ganz großer Fußball. Riesenapplaus.

Von Matthias Heinzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Erleben Sie das Original. Live“, wirbt der Veranstalter für die Show „Best of Musical Starnights“ am 8. Februar in Heiligenstadt. Die Zuschauer im Kulturhaus erleben die bekanntesten Musical-Highlights.

01.12.2018

„Romantisch“ hieß das Motto des Konzerts in der Universitätsaula mit Werken von Weber, Schumann und Mozart. Mariusz Smolij dirigierte zur Feier der Städtepartnerschaft zwischen Thorn und Göttingen.

01.12.2018

Die Wise Guys Nachfolgeband „Alte Bekannte“ ist am Sonnabend, 8. Dezember, zu Gast in Göttingen. Sie treten um 20 Uhr in der Universitätsaula, Waldweg 26/28 auf.

01.12.2018