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Dieter Nuhr mit seinem aktuellen Programm „Nuhr die Ruhe“ in Göttingen

Aerodynamische Zonen in querbelüfteten Matratzen Dieter Nuhr mit seinem aktuellen Programm „Nuhr die Ruhe“ in Göttingen

Das Ende ist nah. Wir haben Angst. Alles geht irgendwann den Bach runter. Am Ende sogar der Bach selber. Wirtschaftskrise, Konsumterror, Schweinegrippe, allgemeine Verblödung, eigentlich könnte man sich gleich aufhängen. Besonders die nörgeligen Deutschen, sagt Dieter Nuhr. Bei seinem Besuch in der vollbesetzten Göttinger Lokhalle verrät der Comedian aus dem Ruhrgebiet aber auch, dass er selbst eigentlich sehr glücklich ist und wie wir es trotz unserer Unfähigkeit zu leben auch schaffen können, „Nuhr die Ruhe“ zu behalten.

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Präsentiert elegante Mischung aus Stand-Up und Kabarett: Dieter Nuhr.

Quelle: Heller

Dieter Nuhr kommt beinahe auf die Bühne geschlichen. Nicht ohne einen Seitenhieb auf einen bekannten Kollegen, der gerne über die Unterschiede zwischen Mann und Frau spricht, macht er deutlich, dass er keine pompöse Pyrotechnik, keine Nebelwände und auch keine Lightshow braucht, um gut zu sein, um gut zu unterhalten. Alles „nuhr“ nicht das. Der Fünfzigjährige will es entspannt angehen und sagt schlicht: „Gut, dann können wir ja loslegen.“ Was er zunächst vom Stapel lässt, ist tagesaktuell: Japan. Die nächsten zehn Minuten muss er deswegen vom Blatt lesen. Selbstverständlich verzeihlich, aber verzeihlich auch die Witze über die Katastrophe? Der Inhalt der Zoten ist zwar relativ harmlos: „In Japan bleiben sie gelassen, aber in Deutschland sind schon die Geigerzähler ausverkauft“, aber das populistische „Mitleid mit den Opfern“, das seitens des Publikums Applaus erntet, wirkt ein wenig deplatziert.

Gut, dass Nuhr bald ablässt von diesem Thema und sich der Politiker- und Promi-Landschaft zuwendet. Das ist freilich ein sicherer Griff. „Pornostar“ Berlusconi, die „süße“ Kristina Schröder, in deren Kinderzimmer angeblich Kohl-Poster hängen und Jörg Kachelmann mit Lederpeitsche. Das funktioniert. Nuhrs Komik entfaltet ihre Wirkung in Bildern, die vor dem geistigen Auge erscheinen, und in Pausen, mittels derer er sein erstklassiges Timing perfektioniert. Nachdem sich der Nordrhein-Westfale durch das Standard-Programm geschrubbt hat, wird er endlich genial. Er paddelt durch einen Fluss von allgemeinen Themen für Jedermann, die er charmant miteinander verknüpft. Der ehemalige Lehramtsstudent verkauft sein Programm als elegante Mischung aus Stand-Up und Kabarett und trifft mit seinen anthropologischen Beobachtungen den Nerv des Publikums. Intelligent, zynisch und leicht bissig stellt er fest, dass viele, die für Politiker oft nur den Ausspruch „Bekloppt sind die!“ oder „Gerechtigkeit für alle“ übrig hätten, statt eines Kopfes auch ein Korken auf dem Hals tragen könnten. „Natürlich sollte es auch Gerechtigkeit geben für alle, die sich bei einem 100-Meter-Sprint verlaufen.“

Nuhr kommt leichtfüßig und in Zimmerlautstärke daher. Und immer wieder diese Bilder: Der Papst mit seinem Papamobil auf der Autobahn unterwegs zu einer E10-Tankstelle oder die Bekanntschaft mit einer „Sanifair-Toilette“, die per Tonbandstimme zum harmonischen Erleben einladen will: „Das erste Scheißhaus mit Philosophie. Event-Ausscheidung an der Autoraste!“ Auch für Grobes ist er sich nicht zu schade, macht aber deutlich, dass er es nicht vorgezogen hat, seine Auftritte vor 30 Leuten in der Schule zu absolvieren. Die hätten eh gesagt: „Was nix kost‘, das is‘ auch nix.“ Nuhr soll weitererzählen von Deutscher Bahn und Tod, von Klimawandel in der Achselhöhle und aerodynamischen Reflexzonen in querbelüfteten Matratzen. Er spielt sein Show bis zur letzten Minute durch und gibt eine Zugabe, die auch wirklich eine ist, inklusive Fragerunde und kurzer Lesung aus seinem Buch „Der ultimative Ratgeber für alles“. Dafür erntet Nuhr den maximalen Applauspegel.

Von Anna Kleimann

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