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Diplomatie im Krieg

"Webers Protokoll" Diplomatie im Krieg

Ein großer Anteil der rund 60 Besucher im Literarischen Zentrum in Göttingen, die sich zum „Nanjing Protokolle“ Abend eingefunden haben, sind chinesische Studierende. Grund hierfür ist wohl, dass die Berliner Autorin Nora Bossong nicht nur aus ihrem neuen Roman „Webers Protokoll“ liest, sondern auch über ihre Erfahrungen in Nanjing berichtet.

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Stellt neuen Roman vor: Nora Bossong.

Quelle: Theodoro da Silva

Ihr Roman behandelt die Rolle der deutschen Diplomatie während der Nazizeit und in den ersten Jahren der Bundesrepublik. 1943 im deutschen Generalkonsulat in Mailand tätig, gerät Diplomat Konrad Weber wegen Veruntreuung deutscher Gelder ins Schleudern und muss aus finanziellen Gründen deshalb Pässe für von den Nazis Verfolgte fälschen.

Kurz vor seiner Verhaftung flieht er in die Schweiz. Nach dem Krieg strebt er wieder nach einem Amt im diplomatischen Corps Deutschlands, wird jedoch von seiner Vergangenheit eingeholt.
Die Sprache des Buches klingt kühl, wie ein Protokoll. Das sei ihr auch wichtig gewesen, sagt Bossong. „Weber ist Diplomat und so soll er auch reden“, erklärt die Autorin. Zudem seien ihr die genauen Beobachtungen wichtig, denn „literarische Bilder können viel brutaler sein als ein lang ausformulierter Text“. Sie liest konzentriert aus ihrem Buch, kleine Verhaspler sind schnell vergessen.

Deutungshoheit über die Zeit

Die Handlung des Romans ist verschachtelt. Webers Erinnerungen springen von der Kriegszeit immer wieder in die ersten Jahre der Bundesrepublik und zurück. In der Rahmenhandlung streitet eine junge Ich-Erzählerin mit einem ehemaligen Kollegen Webers über die Deutungshoheit über diese Zeit.

Wohl kein Zufall, dass die 27-jährige Bossong von ähnlichen Diskussionen um ihr Buch in der anschließenden Diskussion mit der Sinologin Irmy Schweiger erzählt. „Viele meinten, dass so ein Thema nichts für mich sei. Ich sei zu jung und könne mir gar kein Urteil erlauben. Doch genau diese Aussagen haben mich angespornt,“ berichtet sie.

Im Anschluss berichtet Bossong von ihren Erfahrungen, die sie im Rahmen des „Artists-in-Residence-Programms“ der Universitäten Göttingen und Nanjing gesammelt hat. Anfang Herbst verbrachte sie vier Wochen in China. Dort ließ sie einmal auch eines ihrer Gedicht interpretieren. „Die Studenten haben das sehr gut gemacht. Am Ende war ich selbst der festen Überzeugung, über die Kulturrevolution geschrieben zu haben,“ erzählt sie und lacht herzlich. Die chinesischen Studenten im Publikum kichern.

  • Nora Bossong: Webers Protokoll. Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten, 19,90 Euro.

Von Corinna Berghahn

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