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Tipps für den Rundgang mit Abendticket

Documenta in Kassel Tipps für den Rundgang mit Abendticket

Die Tickets bei der Weltkunstausstellung Documenta sind eher hochpreisig. Doch der Besuch der Schau geht auch günstiger, beispielsweise mit dem Abendticket. Die wichtigsten Ausstellungsgebäude können in Stunden zwischen 17 und 20 Uhr, die zur Verfügung stehen, erlaufen werden. Wir geben Tipps.

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Quelle: PEK

Kassel. Auf dem Friedrichsplatz direkt an der Fußgängerzone liegt ein großer Ticketshop. Der Ort ist bei dieser Documenta unglücklich gewählt, denn für eine Abendkarte, die ab 17 Uhr gilt und 10 (ermäßigt 7 Euro) statt der 22 Euro (ermäßigt 15 Euro), ist der Standort ungünstig. Das benachbarte Fridericianum, in den vergangenen Jahrzehnten immer das Herzstück der Weltkunstausstellung, ist in diesem Jahr  zu vernachlässigen. Hier findet sich der Bestand des „Emst – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst“ in Athen. Denn die Hauptstadt Griechenlands ist für die Documenta 14 Partnerstadt Kassels, und Documenta-Chef Adam Szymczyk empfiehlt, von Griechenland zu lernen.

Zu sehen gibt es im Fridericianum eine mäßig interessante Auswahl von Kunst der vergangenen Jahrzehnte, Zeitgenössisches ist kaum darunter. Ein zu groß geratenes politisches Statement.

Spannender geht es zu in der Neuen Neuen Galerie, Gießbergstraße 22, die Szymczyk und seine Mitstreiter mit Verweis auf die Neue Galerie in Kassel so genannt haben. Eigentlich handelt es sich um ein Postamt mit Verteilzentrum, das die Documenta jetzt mit Kunst bestückt hat – der bei weitem lebendigste und spannendste Teil der Weltkunstausstellung. Hier werden gesellschaftlich relevante Themen überraschend quirlig verhandelt. Hier liegt der Beweis, dass Kunst tatsächlich fundiert zu gesellschaftlichen Fragen Stellung beziehen kann.

Einen Vorhang hat Máret Ánne Sara am Ende der Halle im Erdgeschoss aufgehängt, den einige Rezensenten als Ikone der Documenta einschätzen. Die Künstlerin hat Rentierschädel aufgefädelt, Das ergibt ein beeindruckendes Bild, offenbart aber auch Grauenvolles. Alle Schädel weisen ein Einschussloch in der Stirn auf, ein Verweis auf einen Erlass der Norwegischen Regierung, die verfügte, dass die Samen alle ihre Herden zwangsschlachten mussten. Die Künstler- und Forschergruppe Forensic Architecture hat hier ihre Recherchen zum Mord an dem 21-jährigen Halit Yozgat präsentiert, dem neunten Opfer in der Serie der NSU-Morde. Halit war 2006 in einem Internetcafé in der Nähe des Postamtes erschossen worden. Die Künstler zeigen, warum aus ihrer Sicht und nach ihren Untersuchungen ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, der am Tatort war, entgegen seiner Aussage bemerkt haben muss.

Eine der visuell vielleicht stärksten Arbeiten der Documenta ist hier auch zu sehen: „Atlas Fractured“. Theo Eshetu projiziert Gesichter heutiger Menschen auf ein hallenfüllendes Banner mit antiken Köpfen. Kellnerinnen-Schuhe ihrer Firma Yugoexport bietet die Künstlerin Irena Haiduk an. Wer sie kauft, muss mit seiner Unterschrift versichern, dass er sie nur zur Arbeit anzieht.Sie bietet diese Sandalen in der ehemaligen Post-Kantine an, nebenan in der Küche ist der Bereich unter den Dunstabzugshauben üppig bepflanzt. Kaffee und Kuchen gibt es hier.

Eine gute Stunde sollten Besucher auf jeden Fall für die Neue Neue Galerie einplanen und den Weg zum nächsten Hotspot vielleicht zu Fuß zurücklegen. Denn die Neuen Neue Galerie liegt am Rande einer ganz eigenen Welt. Wer zurück zum Zentrum will, läuft an Friseuren, Lebensmittelläden, Bäckereien, Shisha- und Imbissshops vorbei, die so auch im Nahen Osten zu finden sind. Gut 20 Minuten müssen dafür eingeplant werden. Bleiben noch 90 Minuten für die neue Galerie, die mit einigen Preziosen aufwartet – auch hier eher Historisches. Ein monumentales Werk von Maria Eichhorn gleich am Start. Sie hat in einem Regal Bücher gesammelt, die Nazis aus jüdischem Besitz raubten. Das Bild von Documenta-Gründer Arnold Bode, gemalt von dem derzeit einflussreichsten Künstler der Gegenwart, von Gerhard Richter, hängt  etwas unscheinbar am Beginn des Rundgangs. Ein wenig drängt sich der Eindruck von Zufälligkeiten auf, wenn der Gang vorbeiführt an expressionistischen und impressionistischen Werken. Man stößt auf Vergessenes, nie Wahrgenommenes, Analytisches, Lustvolles, Zartes und viele davon schreit nach Gerechtigkeit, nach Wiedergutmachung und nach einem verdammt nochmal endlich zu verändernden Blick auf die Welt, die die Documenta-Macher vielfältiger sehen als die Geschichtsschreibung, auch die der Kunstgeschichte es bislang zugibt. Das ist bisweilen brachial und  holzhammerartig, vor allem, wenn Sergio Zevallos aus seien Sicht grausame Akteure der Gegenwart zu Schrumpfköpfen formt. De deutsche Verteidigungsministerin hat er in diese Horrorkabinett aufgenommen.

Die 90 eingeplanten Minuten sind hier ein Mindestmaß. Wer hier und dort ein wenig Zeit abknapsen konnte, geht schnell noch hinüber zum Palais Bellevue auf der anderen Straßenseite. Hier hat sich der Bildhauer Olaf Holzapfel ausgebreitet, der über Mensch und Architektur nachsinnt. In einem anderen Raum werden Haushaltsgegenstände zu Folter- und Kriegsgerät. Es geht um posttraumatische Belastungsstörungen. Klingt gruselig, ist aber in den wunderschönen, hellen Räumen des Palais bestens aufgehoben. Und im Garten des Gebäudes liegt ein zauberhaftes Gartencafé. Hier wird auch nach 20 Uhr noch der Feierabend eingeläutet.

Eintrittskarte schon vorher im Internet unter documenta14.de kaufen und selbst ausdrucken, auch Feierabendtickets. Das spart Zeit und Wegstrecke.

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