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Dorothe Viehmann: Wichtigste Quelle der Brüder Grimm

Erzählerin mit phänomenalem Gedächtnis Dorothe Viehmann: Wichtigste Quelle der Brüder Grimm

Zwei offenbar gut situierte Herren sitzen bei einem Glas Bier am Tisch und lauschen aufmerksam einer älteren Frau. Im Hintergrund sind Felder, Wiesen und ein idyllisches Haus zu sehen. Diese illustre Szene auf dem Etikett der Bierflaschen der kleinen nordhessischen Hütt-Brauerei mag zwar frei erfunden sein, hat aber einen wahren Kern.

Denn die beiden Herren sind Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859), die hier mit einer der wichtigsten Quellen ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ zusammensitzen: Dorothea Viehmann. Fast 40 Märchen oder Märchenvarianten der insgesamt rund 200 gesammelten Märchen der Brüder Grimm gehen auf Erzählungen der Gastwirtstocher zurück. Dazu gehören Aschenputtel, die Gänsemagd oder die Geschichte vom Teufel und seiner Großmutter.

Kurz nach Erscheinen ihres ersten Bandes der „Kinder- und Hausmärchen“ vor 200 Jahren am 20. Dezember 1812 wurden die Brüder Grimm auf Dorothea Viehmann aufmerksam. Die später als „Märchenfrau“ populär gewordene Viehmann wurde 1755 im Bereich der heutigen Stadt Baunatal geboren – in dem Haus, das auf dem Flaschenetikett zu sehen ist.

In dem verkehrsgünstig gelegenen Anwesen hatten ihre Eltern, Nachfahren hugenottischer Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, drei Jahre zuvor eine Lizenz zum Bierbrauen erhalten. Fuhrleute machten hier gern Station, um sich zu erfrischen und Geschichten auszutauschen. Diesen Geschichten folgte Dorothea aufmerksam.

„Die Mehrzahl ihrer Texte scheint Dorothea Viehmann in ihrer Jugend in der Gastwirtschaft gehört zu haben“, vermutet der Literaturwissenschaftler Heinz Rölleke. Ein Teil ihres Märchenrepertoires dürfte sich darüber hinaus aber auch aus hugenottischen Traditionen speisen. So war es auch schon bei den rund 80 Märchen des ersten Grimmschen Bandes.

Zwar schrieben die Grimms: „Alles ist mit wenigen Ausnahmen fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft Ha­nau, wo wir her sind, nach mündlicher Überlieferung gesammelt.“ Viele Zuträger entstammten aber gutbürgerlichen, oft hugenottischen Familien.

Zahlreiche Märchen waren daher französischen Ursprungs, Rotkäppchen etwa oder Dornröschen. Besonders auffällig bei den Viehmann-Märchen sei, dass keine Hexen oder zauberkundige Frauen auftreten, hat Rölleke herausgefunden. Entweder habe sie sich solche Märchen nicht eingeprägt, oder sie hätten ihr nicht gefallen, so dass sie sie einfach nicht weitererzählt habe, vermutet Rölleke.

Geradezu phänomenal muss Viehmanns Gedächtnis gewesen sein. „Niemals ändert sie bei einer Wiederholung etwas in der Sache ab, und bessert ein Versehen, sobald sie es bemerkt, mitten in der Rede gleich selber“, schreiben die Brüder Grimm im 1815 erschienenen zweiten Band ihrer Märchen.

Die Bekanntschaft mit den Grimms währte lediglich zwei Jahre: 1815 starb Viehmann. Während dieser kurzen Zeit habe sie viel Leid erleben müssen, sagt der Kasseler Grimm-Forscher Holger Ehrhardt. So starb unter anderem der Ehemann einer Tochter, die sechs Kinder hatte, und Dorothea selbst litt unter Krankheiten.

Ihre fast wöchentlichen Besuche bei den Grimms in Kassel, wo sie mit Kaffee und Wein bewirtet und mit Geld entlohnt wurde, hätten Neid und Missgunst der Dorfbewohner geweckt, schildert Ehrhardt das wenig idyllische Leben der Märchenfrau. Besonders gelitten war sie im Dorf Niederzwehren, das heute ein Stadtteil von Kassel ist, daher nicht. Sie war nach ihrer Hochzeit mit dem Schneidermeister Nikolaus Viehmann im Jahr 1777 dorthin gezogen.

Als der örtliche Pfarrer Bernhard Beß im Jahr 1907 aus Anlass des 100. Geburtstages von Jacob Grimm nach dem Grab Viehmanns suchte, habe sich niemand mehr an den genauen Ort erinnern können, hat Ehrhardt herausgefunden. Auch bei ihren Nachkommen war die Erinnerung anscheinend verblasst. „Die Kindeskinder haben fast gar keine Erinnerung mehr von ihr“, notierte Beß. Heute weist ein Gedenkstein außerhalb des Zwehrener Friedhofs auf die Ruhestätte der „Märchenfrau der Brüder Grimm“ hin.

Von Christian Prüfer, epd

Holger Ehrhardt (Hrsg.): Dorothea Viehmann, 160 S., Euregioverlag, 20 Euro.
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