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Drama im Zeitraffer mit tödlichem Duell

Sonderreihe „Wiener Klassik“ Drama im Zeitraffer mit tödlichem Duell

Barockmusik gibt es ungefähr von 1600 bis 1750, also 150 Jahre, die Wiener Klassik aber währte nur etwa von 1770 bis 1820. Das reicht gerade einmal für eine Lehrer- und eine Schülergeneration. Die älteren Musiker hatten noch barocke Wurzeln. Der später lebte, geriet schon in die Romantik.

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Lebendiges Spiel: Das Göttinger Symphonie-Orchester mit Dirigent Mueller.

Quelle: Theodoro da Silva

Dieser Zeitraum stand im Blickpunkt des zweiten Abends der Sonderreihe „Wiener Klassik“ des Göttinger Symphonie-Orchesters (GSO) am Donnerstag im voll besetzten Deutschen Theater. Musik von Gluck, Salieri und Schubert stand auf dem Programm.

Glucks Ballettmusik zu „Don Juan“ entstand lange vor Mozarts gleichnamiger Oper, die Musik erzählt dieselbe Geschichte, nur in überraschend gedrängter Zeit. Von der ersten Verführung bis zum schrecklichen Ende Don Juans sind es höchstens 20 Minuten: ein Drama im Zeitraffer, das musikalisch sehr lebendig nachgezeichnet wird. Dirigent Christoph-Matthias Mueller stärkte mit der Lesung der szenischen Angaben zwischen den Sätzen die Vorstellungskraft der Zuhörer, die dann etwa im Widerstreit der hohen und tiefen Streicher ein tödliches Duell ohne Mühe nachvollziehen konnten. Und auch wenn die Musik für heutige Ohren hier und da vielleicht ein bisschen naiv das Drama illustriert, zeigen sich die Erfindungsgabe und der Ausdrucksreichtum Glucks doch sehr eindringlich.

Antonio Salieris Konzert für Flöte, Oboe und Orchester gab zwei GSO-Musikern, der Flötistin Bettina Bormuth und dem Oboisten Matthias Weiss, reichlich Gelegenheit, ihre ausgereifte virtuose Kunst vorzuführen. Beide Solisten waren sich einig bis in die feinsten Nuancen des Ausdrucks. Den begeisterten Beifall – auch von ihren Orchesterkollegen – hatten sie vollauf verdient.

Mit der ersten Symphonie von Franz Schubert – ein Kompositionsschüler von Salieri – beendete Mueller diesen ausgesprochen unterhaltsamen Abend. Seinen sehr konzentrierten Instrumentalisten verlangte er in den Ecksätzen sehr lebhafte (aber nirgends überhastete) Tempi ab, verlieh im Menuett auch den Begleitstimmen gebührendes Gewicht und arbeitete die sanften Schönheiten im Andante mit liebevoller Zuwendung heraus. Komplettiert wurde der Abend durch die Moderation der Musikwissenschaftlerin Dorothea Schröder. Sie vertiefte nicht nur sehr kompetent die historischen Zusammenhänge, sondern brach auch eine Lanze für den Nicht-Mörder Salieri. Der war nämlich keinesfalls schuld an Mozarts Tod. Und, schön zu erfahren: Er liebte Bäume.

Von Michael Schäfer

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