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Egger philosophiert über Wald und lauter Bäume

Im Literarischen Zentrum Egger philosophiert über Wald und lauter Bäume

Auf die Idee Mathematik und Poesie zu vergleichen, muss man erst einmal kommen. Der österreichische Literaturwissenschaftler und Philosoph Oswald Egger hat dieses Experiment gewagt.

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Mit Hang zur Präzision: Oswald Egger.

Quelle: Hinzmann

Seine Reflexionen zu diesem Thema sind bei Suhrkamp erschienen: „Diskrete Stetigkeit – Poesie und Mathematik“. Über das im Jahr 2008 erschiene Buch hat Egger am Montagabend mit der Literaturwissenschaftlerin und Mathematikerin Andrea Albrecht geredet. Das Gespräch im Literarischen Zentrum Göttingen war der Auftakt zu einer neuen Veranstaltungsreihe, die sich den Zusammenhängen von Literatur und Wissenschaften widmet und nach verwandten Themen und Verfahrensweisen fragt.

„Nach dieser Sitzung werden Sie nichts besseres zu tun haben, als dieses Buch zu erstehen“, verspricht Albrecht, die bei dem Göttinger Literaturwissenschaftler Horst Turk promovierte. Obwohl das Buch sehr merkwürdig sei. Sie könne bis heute nicht sagen, was es ist – nicht Prosa, nicht Lyrik, und es geht auch um echte Mathematik. Es bediene aber nicht den Mathematiktrend, der derzeit in der Literaturszene zu beobachten sei. Dort gehe es in erster Linie um die Persönlichkeit historischer Mathematiker, nicht um den Stoff selbst wie bei Egger. So ein Buch habe es bisher nicht gegeben. Eggers philosophiert über die Frage, „Wann ist ein Wald ein Wald?“ oder „Wie viele Bäume braucht man für einen Wald?“ (Obwohl er selbst „beschämend wenig Walderfahrung“ habe.)

Der 47-Jährige hat einen Hang zur Präzision mit einem außergewöhnlichen Gespür für Sprachwitz, wie er bei einer Leseprobe zeigt. Aber auch an Scherzfragenniveau hat Egger seinen Spaß: „Wie weit kann man in einen Wald hineingehen? Bis zur Mitte, dann geht man wieder hinaus.“ Wie ein Eichhörnchen, habe er in seinen Ausführungen Nüsse für den Winter versteckt, die der Leser finden könne. Zumindest in dem Teil des Buches, aus dem er liest. Denn die Mathematik hat er an diesem Abend „sauber umlesen“, wie Albrecht es ausdrückt. Und diese 40 Seiten des Bandes kommen gänzlich ohne Sprachwitz daher. Obwohl Egger, der in Wien und auf der ehemaligen Raketenstation Hombroich bei Neuss lebt, bei dem Gespräch trocken bekennt, „ich meine das ohnehin alles ernst“.

Ganz aufgelöst ist der Zusammenhang von Poesie und Mathematik am Ende zwar nicht, aber Egger und Albrecht haben ein spannendes und anregendes Gespräch geführt, an dem auch die Zuschauer ihren Spaß hatten. Allerdings konnten sie das Buch, wie Albrecht es prophezeit hatte, nicht gleich erstehen. Ausnahmsweise gab es keinen Büchertisch. Die Buchhändlerin war krank geworden.

Von Eida Koheil

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