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„Ensemble Cafébaum“ mit Stil und Cappuccino

Barockmusik „Ensemble Cafébaum“ mit Stil und Cappuccino

Es gibt Konzerte, die sind aus so vielen Gründen interessant und wunderbar, dass man beim Erzählen gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

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Angenehm verrückt, überraschend virtuos: Das „Ensemble Cafébaum“ macht zwar Barockmusik, hält aber wenig von verkrusteter Konzertgestaltung.

Quelle: Vetter

Das „Ensemble Cafébaum“ sorgte im Abschlusskonzert der Göttinger Reihe Historischer Musik für so einen magischen Abend, aber das außerordentliche Geschehen betrachtet man am besten ausgehend von der Begrüßungsrede Karl Brachts, Senior Vice President der Sartorius AG.

Dieser orakelte nämlich, ganz adrett mit Fliege, dass sich alle Krawattenträger in potenzieller Gefahr befänden: Das Abschlusskonzert des Nachwuchswettbewerbs fand nämlich an Weiberfastnacht statt.

Und auch wenn die großartige Sopranistin Alice Borciani als Italienerin ohne rheinländischen Migrationshintergrund wenig vom Krawattenabschneiden verstehen dürfte, zog sie in ganz anderer Absicht dennoch ein Säbel: Sie war an diesem Abend, und das ist nun wirklich nett gemeint, eine alte Vettel, Femme Fatale und Kriegerin gleichzeitig.

Ein Potpourri aus Triosonaten und Arien

Das Abendkonzept, das sie mit dem aberwitzig ungestüm konzertierenden Ensemble Cafébaum präsentierte, war ein Potpourri aus Triosonaten und Arien Georg Friedrich Händels, aufgemischt mit John Cages „Ryoanji“. In den Arien brillierte Borciani nicht nur mit ihrem Ausnahme-Sopran, sondern auch kraft ihres schauspielerischen Ausdrucks.

Als Armida aus Händels „Rinaldo“ zückt sie schließlich einen scharfen Säbel, sodass sich auf der Stirn des einen oder anderen Jurymitglieds in der ersten Reihe Schweißtropfen gebildet haben dürften – derlei Sanktionen gegenüber den Entscheidern wären aber, so viel sei schon mal verraten, nicht nur übertrieben, sondern auch ungerechtfertigt gewesen.

Aber nicht nur die Arien waren musikalisch-dramaturgische Glanzlichter: Die Triosonaten mit ihren für den Barock typisch fein verflochtenen Melodielinien der beiden Oboen wurden von Philipp Wagner und Thomas Meraner mit brennendem Feuer gestaltet. Das Unisono zwischen Oboen und Sopran in der Arie „Tornami a vagheggiar“ aus „Alcina“ war in der Präzision seines Zusammenspiels unvergesslich.

„Das ist wie Cappuccino"

Ebenfalls aus „Alcina“ stammt „Credete al mio dolore“. Hier bezeugte auch Jonathan Pešek am Violoncello, dass er sich expressive Dialoge mit Borciani liefern kann, allerdings mit lyrischem Gestus. Anna Flumiani am Fagott und Frederica Bianchi am Cembalo hielten diese energetischen Qualitäten zusammen, ohne ihr eigenes Spiel gehemmt wirken zu lassen – insbesondere Bianchi ließ Virtuosität in großer Regelmäßigkeit aufblitzen.

Zu all diesem Treiben gesellte sich noch der Schauspieler und Erzähler Vanni de Lucia, der an diesem Abend mithilfe einer „Pupo Siciliano“, einer sizilianischen Marionette, die Musik mit einer intrigenreichen Geschichte rahmte.

Sein italienischer Vortrag hatte Pathos, nach dem Konzert versuchte er im Publikumsgespräch jedoch, das Konzertgeschehen auf deutsch zusammenzufassen: „Das ist wie Cappuccino, du weißt nie, wieviel Milch und wieviel Kaffee“, so de Lucias italienische Sicht der Dinge.

Während sich die Jury nun zurückzog, um aus den vier Teilnehmern der Reihe den Gewinner zu bestimmen, gab das Ensemble auf Nachfrage noch eine Zugabe. Oder besser: ließ sie geben. Denn anstatt selbst zu den Instrumenten zu greifen, instruierte die nimmermüde Borciani kurzerhand das Publikum im Kanonsingen.

So viel angenehme Verrücktheit und virtuose Spielfreude wurde schließlich verdient mit dem ersten Platz belohnt. Somit besteht die Gelegenheit, „Ensemble Cafébaum“ auf ihrem Preisträgerkonzert während der Händel-Festspiele am Sonntag, 19. Mai, um 19.30 Uhr im Duderstädter Rathaus nochmal zu erleben.

Von Jonas Rohde

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