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Regional Eröffnung der Kunsthalle mit Aktfotografie
Nachrichten Kultur Regional Eröffnung der Kunsthalle mit Aktfotografie
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19:33 16.12.2011
Von Peter Krüger-Lenz
Gestaltet mit beweglichen Wänden: der zentrale Raum der Kunsthalle HGN. Quelle: Thiele
Duderstadt

Das frisch angekommene Bild ist eine wandfüllende Arbeit von Neo Rauch, exponierter Vertreter der Neuen Leipziger Schule und derzeit einer der gefragtesten deutschen Künstler. Näder, Lenker von Otto Bock, dem weltweit führenden Konzern für Orthopädietechnik mit Stammsitz in Duderstadt, erzählt zur Eröffnung, dass er schon länger ein Rauch-Werk erwerben wollte. Jetzt hat er es aufgetrieben, in New York.

Exquisit ist das, was Näder sammelt: ein bisschen Popart, etwas Streetart, Dan Flavins Neonröhren, Arbeiten von Bernd und Hilla Becher, den Begründern der Düsseldorfer Schule, der viele der wichtigsten deutschen Fotografen  entstammen, und eine vielteilige „Wasser“-Fotoarbeit von Dieter Appelt.

Rund 100 Werke des Fotografen Helmut Newton  (1920 – 2004) hat er bislang zusammengetragen, unterstützt von Experten wie Thomas Köhler, Leiter der Berlinischen Galerie, dem Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, und Rudolf Kicken, der in Berlin eine Fotogalerie betreibt. „Von Zeit zu Zeit kaufen wir aus den verschiedenen Newton-Sammlungen auf der Welt“, sagt Näder.

Eine ansehnliche Auswahl ist jetzt in der Kunsthalle zu sehen – ein grandioser Ort für die Sammlung. Kicken war es auch, der einen entscheidenden Impuls für die erste Ausstellung gab. Man stellte die Newton-Aktbilder denen von František Drtikol (1883 – 1961) gegenüber. Der tschechische Künstler hatte seine große Zeit in den 1920er Jahren, als er mit seinen Bildern wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Aktfotografie nahm.

Drtikols hat in seinen Bildern künstlerische Strömungen seiner Zeit aufgenommen.  Er ließ sich von Ausdruckstanz inspirieren, verwendete Stilelemente des Jugendstils und des Art déco. Er arbeitete mit extremen Licht- und Schattenwirkungen. Und in den vielleicht spannendsten Bildern bewegt er sich auf einer Grenze zwischen Abbild und Abstraktion, für die 1920er Jahre außerordentlich bemerkenswert.

Drtikols Modelle verkörpern das neue Frauenbild seiner Zeit. Drtikol zeigt starke, bisweilen  erstaunlich muskulöse und selbstbewusste Frauen. Das verbindet ihn mit Newton, der ähnliches in den 1980er Jahren zeigte und damit die Kunst- und Modewelt veränderte.

Newtons Fotomodelle bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen eigentümlichen Männerphantasien und großem weiblichen Selbstbewusstsein. Beinahe lebensgroß sind einige der Frauenbilder in der Ausstellung zu sehen, bekleidet nur mit Stilettos und herausforderndem Blick.

Neben den Großformaten finden sich in Durchgängen oder Studios, die mit Polstermöbeln fast privat gestaltet sind, kleinformatigere Arbeiten bis hin zu Polaroids von Newton. Das Umfeld, in dem er sich bewegte, ist zu erahnen in einigen Prominentenporträts. Auch David Bowie hat Newton fotografiert – und auf einem Foto sich selbst abgelichtet, ein eher seltenes Vergnügen des Fotografen. Man sieht ihn leicht dandyhaft, er wird vielleicht Anfang 40 gewesen sein zu dieser Zeit.

1998 hat Newton, in Deutschland geboren, von den Nationalsozialisten vertrieben, später australischer Staatsbürger, im Kestner-Museum in Hannover ausgestellt. Damals war er 78 Jahre alt, ein sehr freundlicher Herr, der mit großem Spaß und vor der Eröffnung durch seine Ausstellung führte. Ihm hätte die Kunsthalle HGN gefallen, ganz sicher.
Bis 26. Februar sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr im Karl-Wüstefeld-Weg in Duderstadt.

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