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Regional Eröffnungskonzert der 4. Nikolausberger Musiktage
Nachrichten Kultur Regional Eröffnungskonzert der 4. Nikolausberger Musiktage
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11:47 08.09.2018
Schola Heidelberg und Ensemble Aisthesis mit ihrem musikalischen Leiter Walter Nußbaum (Mitte) und dem Komponisten Dániel Péter Biró (rechts). Quelle: Schäfer
Göttingen

Diese deutsche Erstaufführung stand am Beginn der 4. Nikolausberger Musiktage, die am Montag mit einem Konzert des Göttinger Barockorchesters beendet werden. Mehr als hundert Zuhörer füllten die Klosterkirche. Ergänzt wurde das Programm des Abends durch „Kyrie“-Vertonungen aus Messen der Renaissance, des Barocks und der Klassik.

Scholien: das sind erläuternde Anmerkungen in alten Handschriften. Solche „Nebentexte“ gibt es in den Schriften des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza (1632-1677), die der aus Ungarn stammende, in Kanada wirkende Musiker Biró seinem Werk zugrundegelegt hat. „Scholien 2“ ist eine Auftragskomposition der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft und der Universität Basel, die Biró für die Schola Heidelberg und das Ensemble Aisthesis geschrieben hat und die wenige Tage vor dem Nikolausberger Konzert in Basel uraufgeführt worden ist.

Aufregende Klangsprache

Die Klangsprache Birós ist aufregend. Sowohl die Instrumente – eingesetzt sind zwei Violinen, eine Viola und zwei Violoncelli – als auch die Singstimmen müssen stellenweise sehr ungewöhnliche Töne erzeugen. Zwar bildet der lateinische Text Spinozas die Grundlage, aber häufig sind die Wörter derart in einzelne gedehnte Laute zerstückelt, dass sie ihren Bezug zur Sprache verlieren und zu purem Klang werden. Diese Klänge raunen, rauschen, zischen, flüstern, setzen auch kleine explosive Akzente. Dem antworten die Instrumente mit ähnlichen Techniken. Wenn etwa ein Streicher nicht die Saite mit seinem Bogen streicht, sondern den Steg, über den sie gespannt sind, entsteht ein leises, aber überraschend klangvolles Rauschen.

Den explosiven Stimmakzenten entsprechen scharfe Pizzicati. Und auch die Töne selbst entwickeln ein Eigenleben: Da steigt die anfängliche Tonhöhe minimal an, beinahe unmerklich, bisweilen auch mit einem deutlichen Glissando gesteigert. Oder ein und derselbe Ton wird einmal natürlich, ein andermal im Flageolett gespielt, wechselt also seine Farbe wie ein Chamäleon. Manchmal hüpfen die Töne wie elastische Gummibälle durch den Klangraum.

Hochkonzentrierte Interpretation

Dies alles live zu hören und zu sehen ist ein Erlebnis besonderer Art, wobei die Musik geradezu eine Sogwirkung entwickelt. Das war vor allem der intensiven, hochkonzentrierten Interpretation der Vokalisten und Instrumentalisten zu danken, die sich mit bewundernswerter Präzision den Herausforderungen der höchst komplizierten Partitur stellten. In den Stücken Alter Musik – von Heinrich Issac, Johannes Ockeghem, Manuel Frei Cardoso und Michael Praetorius sowie in dem einleitenden Haydn-Kyrie – bewiesen die sieben perfekt aufeinander abgestimmten Vokalisten wachen Klangsinn und eine lupenreine Intonationssicherheit.

Es ist beileibe nicht selbstverständlich, dass man diese Musik so klar und schön zu hören bekommt. Am Ende spendeten die Zuhörer lang anhaltenden, begeisterten Applaus und wurden dafür mit der Wiederholung des besonders klangprächtigen frühbarocken Kyrie von Manuel Frei Cardoso belohnt.

Weitere Termine

Die weiteren Termine der 4. Nikolausberger Musiktage in der Klosterkirche: Am Sonnabend, 8. September, gibt der Göttinger Kammerchor unter Bernd Eberhardt um 17 Uhr ein Festkonzert. Im Nachtkonzert um 21 Uhr sind Laura Frey (Gamben), Andreas Düker (Laute) und Antonius Adamske, der künstlerische Leiter der Musiktage, an Cembalo und Regal zu hören. Der Sonntag, 9. September, beginnt um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst mit Musikbeiträgen des Vokalensembles I dodici, einer Choralschola und alter Blasinstrumente.

Um 11.30 Uhr geben Else Hardegen-Düker (Flöten) und Sabine Erdmann (Cembalo) ein Frühstückskonzert. Um 19 Uhr dirigiert Antonius Adamske das Consortium vocale Berlin. Im Abschlusskonzert am Montag, 10. September, um 19.30 Uhr sind das Göttinger Barockorchester und der Göttinger Knabenchor zu hören. Solisten sind Julia Kirchner (Sopran) und Rupprecht Drees (Barocktrompete). Die Leitung hat Antonius Adamske.

Von Michael Schäfer

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