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Erst verkrachte Existenz, dann Star der Literatur

Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann Erst verkrachte Existenz, dann Star der Literatur

Einst war er der meistgespielte deutsche Dramatiker. Mit seinen naturalistischen Dramen „Der Biberpelz“, „Die Weber“, „Rose Bernd“ und „Die Ratten“ steht Gerhart Hauptmann aber auch heute noch auf den Spielplänen. Zu Recht: Die Modernität etwa der „Ratten“ wirkt noch immer überzeugend, die atmosphärische Dichte der „Weber“ ebenso wie der plebejische Witz der Mutter Wolffen im „Biberpelz“.

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Berührend: Hauptmanns „Die Weber“. Eine Szene aus der Fernsehfassung von 1971 mit Elsa Wagner (links) und Ursula Jockeit.

Quelle: dpa

Vor seinem Erfolg als Dramatiker hatte er das Zeug zu einer ernsthaft verkrachten Existenz. Hauptmann, der am 15. November 1862 im schlesischen Ober Salzbrunn zur Welt kam, begann verschiedene Ausbildungen und beendete keine. Mehrere Anläufe zu einem Studium endeten im Desaster. Da blieb nur eins: eine reiche Heirat. Ausgestattet mit den Mitteln seiner Verlobten und späteren Ehefrau Marie Thienemann – Hauptmanns Brüder Carl und Georg heirateten Schwestern von Gerhart Hauptmanns Frau – war er der materiellen Sorgen enthoben.

Hauptmann

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Als Autor trat Hauptmann zunächst als dem Naturalismus verpflichteter Sozialkritiker hervor. „Vor Sonnenaufgang“ sorgte mit seiner Thematisierung von Alkoholismus und Sexualität für einen Skandal. „Die Weber“ brachten Kaiser Wilhelm II. dazu, sein Abonnement am Deutschen Theater aus Protest zu kündigen – aber das Stück machte Hauptmann berühmt, weltberühmt sogar. Er schrieb dann Drama um Drama in naturalistischer Manier, fast alle sind heute vergessen.

Auch als Prosaautor machte er sich einen Namen, hohe Auflagen erreichten die Romane „Atlantis“ und „Der Narr in Christo Emanuel Quint“. Heute wirkt Hauptmanns Prosa langatmig und überlebt, sie wird kaum noch gelesen, abgesehen vielleicht von der Novelle „Bahnwärter Thiel“.
1912 zog der Dichter in den Olymp ein. Er erhielt den Nobelpreis für Literatur. Und er zeigte in diesen Jahren auch seine bemerkenswerte Fähigkeit, politische und ästhetische Positionen nach Belieben zu wechseln.

Anfang des Ersten Weltkrieges unterzeichnete der ehemalige scharfe Sozialkritiker das berüchtigte „Manifest der 93“, eine Propagandaschrift deutscher Künstler und Wissenschaftler. Und der Kaiser, den er mit den „Webern“ so sehr verärgert hatte, verlieh ihm sogar den Roten Adlerorden – allerdings nur in der untersten Klasse.

Nach Kriegsende wandelte sich Hauptmann, der 1905 zu den ersten Mitgliedern der Gesellschaft für Rassenhygiene gehörte, zum Pazifisten und Republikaner, fuhr in die Esoterikerkolonie auf dem Monte Verità und wurde sogar als Reichspräsident oder Reichskanzler gehandelt. In einer solchen Funktion wäre Hauptmann eine groteske Fehlbesetzung gewesen, denn ihm fehlte jeglicher politische Instinkt – wie sich auch während der Herrschaft der Nationalsozialisten zeigen sollte.

Schriftstellerisch vollzog Hauptmann den Wandel vom Naturalisten zum Märchenonkel. „Die versunkene Glocke“ und vor allem das Glashüttenmärchen „Und Pippa tanzt“ gereichten jeder Kitsch-Anthologie zur Ehre. Das Bedeutendste an „Pippa“ ist, dass Alban Berg das Märchen vertonen wollte – zum Glück erhielt er rechtzeitig die Rechte für Frank Wedekinds Stücke, aus denen er „Lulu“ machte.

In den zwanziger Jahren galt Hauptmann neben Thomas Mann als der wichtigste Repräsentant der deutschen Literatur. Allerdings war der Hauptmann im schwarzen, hochgeschlossenen Gehrock und Hemd mit Vatermörder-Kragen weitaus volkstümlicher als der Lübecker.
Mann porträtierte ihn in seinem Roman „Der Zauberberg“ als „Mynheer Peeperkorn“. Nicht gerade zu dessen Freude. Hauptmann reagierte zutiefst beleidigt, Mann entschuldigte sich wortreich, aber im Kern nichtssagend. Er hatte Hauptmanns wuchtige Posen, seine unvollendeten Sätze, die Floskelhaftigkeit und seine „Weinfrohheit“ zu genau getroffen – und er schrieb Peeperkorn wie Hauptmann einen absoluten Mangel an Intellektualismus zu.

Als 1933 Adolf Hitler an die Macht kam und die Elite der deutschen Künstler, Musiker und Autoren ins Exil ging, hörte man zunächst kein Wort von Hauptmann. „Der Dichter stand auf hoher Küste“ heißt es in einem seiner Gedichte, auf hoher Küste, weit über dem Parteiengezänk, nur der Kunst verpflichtet. So sah sich Hauptmann, der den Sommer auf Hiddensee und den Rest des Jahres in Agnetendorf in Schlesien verbrachte.

In seinen Tagebüchern und Briefen aber finden sich ganz andere Töne. Hier preist er Hitlers „Weltgenie“ und Mussolinis „griechische Jugendlichkeit“ – Hauptmann war durchaus anfällig für die neuen Zeiten, die in Deutschland angebrochen waren. Vom Nazi-Regime ließ er sich gerne feiern, der Repräsentant der deutschen Hochkultur demonstrierte eben auch die Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes in jenen Zeiten.

Irrationalismus und Zivilisationsfeindlichkeit stand hinter dieser antiaufklärerischen Haltung, die Hauptmann ebenfalls vertrat. Ein Nazi war er deshalb nicht, von deren Ideologie findet sich zumindest in seinem Werk nichts. Aber er war ein politischer Opportunist, in seiner vollständigen Ahnungslosigkeit wahrscheinlich noch nicht einmal wissentlich. Er sah sich eben als Dichter auf der hohen Küste, der neoklassizistische Vers-Epen verfasste, über einen wohlgefüllten Weinkeller verfügte und sich herzlich wenig um die Realitäten bekümmerte.

Was von Hauptmann, der am 6. Juni 1946 in Agnetendorf starb und auf Hiddensee beigesetzt wurde, bleibt, sind einige Dramen. „Die Weber“ etwa, „Die Ratten“ und „Der Biberpelz“. Das ist nicht wenig.

Von Jürgen Feldhoff

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