Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Erzählungen von Liebe und Schmetterlingen

„Opera“ mit Saxophonen Erzählungen von Liebe und Schmetterlingen

Instrumentalmusik, heißt es bei Eduard Hanslick, ist „tönend bewegte Form“. Sie hat etwas mit Strukturen zu tun, weniger mit Gefühlen. Sicherlich trifft das auf viele textlose Musikwerke zu, nicht aber auf alle. Dass Musik eine szenische Qualität besitzen kann, hat das Konzert mit dem Göttinger Symphonie-Orchester eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Voriger Artikel
Weihnachtskonzert mit „Front Porch Picking“
Nächster Artikel
Grenzgänger Dieter Nuhr in der Lokhalle

Ungezwungener Kontakt zum Publikum: Dirigent Christoph-Mathias Mueller begrüßt die Zuhörer.

Quelle: Pförtner

Göttingen. „Opera“ hieß das Motto des Abends am Freitag in der voll besetzten Stadthalle, dem alle drei Werke ohne Verbiegung unterzuordnen waren. Gabriel Faurés erzählt in seiner „Pelléas et Mélisande“-Suite eine Geschichte, eine traurige, die mit zärtlichen Liebesgefühlen anhebt und in einem sanften Trauermarsch endet. Das führten die Orchestermusiker mit subtilen Farben und feinsten Ausdrucksnuancen vor, manche melodischen Phrasen hatten den Charakter von Liebkosungen, andere den von schmerzlicher Entsagung: ein Hörgenuss ersten Ranges.

„Opera“ war auch der Titel des an diesem Abend uraufgeführten Werkes, eines Konzerts für Saxophonquartett und Orchester von Uljas Pulkkis. Dementsprechend hat der finnische Komponist das Konzert nicht in Sätze, sondern in Akte unterteilt, deren Handlung – in der es vor allem um Musik geht, nicht etwa um eine Liebesgeschichte – er im Programmheft ausführlich dargelegt hat.

Dialoge zwischen vier Solisten

Und in der Tat hat diese Musik sehr wohl einen erzählenden Aspekt, Dialoge zwischen den vier Solisten und dem Tutti werden erkennbar, in denen es beileibe nicht nur freundlich-harmlos zugeht. Die musikalische Sprache ist vergleichsweise eingängig, hat auch immer wieder eine romantische Attitüde bis hin zu Anklängen an Filmmusik. Sie ist aber keinesfalls simpel, sondern manchmal erkennbar raffiniert, wenn etwa die musikalischen Motive der Solisten ein mehrfaches Echo im Orchester hervorrufen.

Das Raschèr-Quartett, Auftraggeber dieser Komposition, erwies sich als idealer Interpret: hochvirtuos, perfekt im Zusammenspiel, hinreißend in der Qualität der Tongebung, die tatsächlich an menschlichen Gesang erinnert. Der Premierenerfolg dieses Konzerts war eindeutig, der Beifall galt dem engagierten Orchester, dem temperamentvollen Dirigenten und dem aus Finnland angereisten Komponisten gleichermaßen.

Schlussstück des Abends gehört zur Welt der Oper

Und auch das Schlussstück des Abends gehört zur Welt der Oper: die „Carmen“-Suite nach Georges Bizet, die der russische Komponist Rodion Schtschedrin als Ballettmusik bearbeitet, nein, das klingt viel zu banal: raffiniert umarrangiert hat. Sein Trick: Er reduziert die Orchesterbesetzung auf Streicher und reichhaltiges Schlagwerk, die Bläser bleiben ausgespart. Das ergibt ganz ungewöhnliche Farbschattierungen, spannende Klangmischungen und unerwartete Verfremdungen populärer Melodien. An einer Stelle geht Schtschedrin so weit, die Melodie ganz fortzulassen und nur die Begleitung vorzuführen – zu der sich der Hörer sogleich die fehlenden Töne in seiner Vorstellung ergänzt.

Das ist sehr effektvoll und spannend, vor allem dann, wenn die Partitur so virtuos, bis ins kleinste Detail präzise und emotionsgeladen umgesetzt wird, wie es Mueller und seine bestens aufgelegten Musiker taten. Der Saal tobte vor Begeisterung.

Beim „After Concert Talk“ war anschließend Gelegenheit, dem Komponisten Fragen zu stellen – und Zeichnungen anzusehen, die Kinder bei der Generalprobe angefertigt hatten. Dabei flogen sogar bunte Schmetterlinge übers Papier. Das beweist eindeutig die szenischen Qualitäten der Musik.

Von Michael Schäfer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag