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„Es passt“: Neustart mit „Die Räuber“

Junges Theater „Es passt“: Neustart mit „Die Räuber“

Vor sechs Jahren hat Andreas Döring das von der Schließung bedrohte Junge Theater in Göttingen als Intendant und Geschäftsführer übernommen. Sein Konzept ging auf. Im Juni vor der Spielzeitpause wurden Erfolgsergebnisse verkündet. Seit Anfang Juli ist alles anders: Einer Mitarbeiterin der Buchhaltung wird Veruntreuung vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, das Junge Theater ist in der Insolvenz. Aber es geht weiter. Angela Brünjes sprach mit Döring über den Neustart.

Das passt ja, Herr Döring. Nach den Ereignissen im Sommer eröffnen Sie die Spielzeit am 2. September mit den „Räubern“. Wie sind Sie darauf gekommen?
Die zeitliche Reihenfolge war anders. Aber, ja es passt und es passt auch nicht. Es ist die Frage, welche Perspektive man einnimmt. Ich bin schon vor den Ferien auf die „Räuber“ gekommen. Die Planung eines Spielplans ist keine geradlinige Angelegenheit. Das ist ein komplexer, persönlicher, ja intimer Vorgang.

…der nur Sie allein beschäftigt?
Nein, hier am Jungen Theater zwei Personen. Meinen Dramaturgen Alexander Krebs und mich. Aber gerade an so einem kleinen Theater ist es natürlich die Kernarbeit des Intendanten. Sie drückt am stärksten die Absichten aus. Und dass Inszenierungen auch Absichten ausdrücken, ist das nächste Kunstwerk. Wenn das gut zusammenkommt, dann hat man eine gute Spielzeit.

Hatten Sie auch andere Stücke als „Die Räuber“ von Friedrich Schiller im Blick?
Ich habe mich mit dem Sommernachtstraum und verschiedenen Romanen beschäftigt. Aber ich bin immer wieder auf „Die Räuber“ gekommen. Doch dabei war ich frustriert, weil die Philosophie von Franz Moor gerade wegen ihrer Plausibilität angesichts von Facebook etc. mit diesen fast schon Image-Texten, niemanden mehr moralisch erschrecken kann. Fasziniert hat mich aber die Folie, die Schiller als Philosoph anbietet. Und wieder frustriert war ich, weil ich die berühmte Inszenierung von Nicolas Stemann am Thalia-Theater in Hamburg vor Augen hatte. Schließlich wollte ich die Inszenierung extern vergeben.

Aber nun inszenieren Sie.
Ja, das ergab sich, weil sich kein Regisseur fand und ich in einem Antiquariat ein Buch mit einem von Schiller unterdrückten Druckbogen entdeckte. Und zwar hat Schiller nach der Uraufführung eine Szene zwischen Karl Moor und Spiegelberg gestrichen. In dieser Szene wird viel deutlicher als im Original, was vor der Geschichte eigentlich passiert ist: Karl Moor war wirklich ein Räuber.

Wird der gute Karl bei Ihnen zum bösen Kerl?
40000 Dukaten werden im Stück genannt von Moor, Spiegelberg spricht von ein paar lausigen Dukaten. Heute entspricht das einer Summe von 4 Millionen Euro. Karl Moor hat Geld veruntreut, hat die Polizei deswegen im Haus gehabt. In diesem unterdrückten Bogen kommt das so deutlich heraus. Die rechtliche Ebene, die Haftungsebene gab es ja auch schon zur Zeit von Schiller. Und das ist das große Thema des Stücks: Anlagegeschichten, Renditen, Minuskredite. Und der große Junge, der reiche Student Karl Moor, haut ab, er stellt sich nicht.

Wann haben Sie den Bogen entdeckt?
Bevor ich entdeckt habe, wie die Situation des JT ist.

Im Frühsommer also?
Nein, so im Mai. Die Spielzeitplanung beginnt ja im Januar.

Seitdem sind „Die Räuber“ ihr Thema?
Ich wollte untersuchen, ob man das Stück heutig inszenieren kann. Die Figur Karl Moor steht für eine moralisch verwahrloste Wirtschaftselite. Er taucht unter. Und es stellt sich die Frage, welche Methoden muss ein Intrigant wie Franz Moor heute anwenden, damit das Stück funktioniert. Er muss Öffentlichkeitsarbeit beherrschen, zu Fälschungen bereit sein, um die Wahrheit zu verbiegen und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu platzieren. Das ist die Leistung von Franz Moor.

Und rein zufällig erinnert manches an die Geschehnisse in diesem Haus.
Ja, das ist auch bei den Proben ganz merkwürdig. Es ist in der Tat so, dass sich die Situation des Theaters in dieser Inszenierung automatisch spiegelt. Aber das buche ich inzwischen ab unter – in dicken Anführungsstrichen – dem Thema „Karma“. Als ich 2003 als Regisseur hierher kam und „Rio Reiser – Der Kampf ums Paradies“ inszenierte, ging es darum, die JT-Schließung zu verhindern. Das war damals eine ähnliche Situation wie heute.

Beeinflusst das Ihre „Räuber“-Inszenierung?
Ich wäre ein schlechter Künstler, wenn ich nicht die naheliegenden Erfahrungsschätze, auf welcher pervertierten Ebene sie auch wachsen mögen, nicht nutzen und mitnehmen würde. Es wäre jetzt falsch zu sagen, der böse Sommernachtstraum, der hier in diesem Sommer stattgefunden hat, hat jetzt die „Räuber“ verändert. Das wäre völlig falsch. Es ist aber völlig richtig, dass sich der konzeptionelle Blick und der Umgang mit dem Stück durch diese Schicksalsgeschichte sehr vertieft hat. Und wenn es im Theater um Schaden geht, klopft ja der Humor an.

Dann wird es kein Trauerspiel?
Es wird eine Schiller-Inszenierung, die versucht, ganz nah an den Kern heranzugehen. Um Veruntreuung und was sie bedeutet, erfahrbar zu machen, muss man sich mit der zwischenmenschlichen Ebene beschäftigen, die dadurch geprägt, verändert und zerstört wird. Das passiert im Stück. Es ist ein Familienstück.

Familienstück in welchem Sinn?
Das Geniale an dem Stück ist für mich, dass Schiller ein ganz großes Thema, das auf vieles übertragbar ist, in einer Familie spielen lässt. Die Familie ist immer der Ort, dem man nicht entrinnen kann.

Sollen „Die Räuber“ Schulklassen locken?
Das Angebot an die Schulen sind „Die Physiker“, die zum Ende der vergangenen Spielzeit vorgezogene Premiere hatten.

Warum war das notwendig?
Bis auf ein Stück haben in der Spielzeit 2009/2010 alle gut funktioniert. „Die Physiker“ wurden nicht vorgezogen, um hohe Zuschauerzahlen zu erreichen, sondern um jetzt zu Spielzeitbeginn diese Produktion für die Schulklassen schon im Angebot zu haben. Und „Die Räuber“, auch wenn es ein Klassiker ist, ist ein profilierter Anfang für die Spielzeit unter dem Motto „Stillstand und Bewegung“ und zielt gar nicht so sehr auf die Schulen.

Die vergangenen Spielzeiten waren ein harter Kampf um die JT-Erhaltung und er schien im Juni gewonnen. Wenig später die Hiobsbotschaft, dass das JT durch Unterschlagungen einer Mitarbeiterin zahlungsunfähig ist. Haben Sie jetzt noch die Kraft, wieder zu beginnen und alles erneut anzugehen, dazu mit so einer Art Galgenfrist?
Also, Galgenfrist blende ich aus. Das ist eine Kategorie, in der ich nicht leben kann. Natürlich kann ich diesen Zwang von außen nicht ausblenden, aber das trenne ich von meiner Aufgabe als Theatermacher. Und als dieser habe ich gerne die Gestaltungshoheit. Ja, jetzt, heute stehe ich auf dem Standpunkt, dass es nicht sein kann, nicht sein darf und auch nicht sein wird, dass eine Person durch kriminelle Energie und eine Täuschung ein Theater, das durch die Zuschauer, die Mitarbeiter und natürlich auch durch meine Leistung sechs Jahre lang aufgebaut wurde, zerstört. Das kann nicht sein. Dagegen werde ich mich wehren. Das ist auch mein Begriff von Verantwortung.

Muss die Organisation des Theaters, vor allem die Verwaltung, neu strukturiert werden?
Jetzt rate ich dazu, auf das zu blicken, was vor sechs Jahren bei der Gründung stattgefunden hat. Den Prozess muss man sich anschauen, wenn man daraus lernen will, dem Theater eine strukturierte Zukunft mit Substanz zu geben. Daran bin ich sehr interessiert und will daran mitzuwirken. Das findet derzeit bereits statt.

Und Ihre Verantwortung als Geschäftsführer?
Ja, es gibt die Verantwortung hinsichtlich der Organschaft auf vermögensrechtlicher Ebene. Das läuft automatisch und findet ohnehin statt. Dann gibt es noch die persönliche Ebene, auf der Fragen von Verantwortung stattfinden. Da kann ich mir nichts vorwerfen, weil ich ansonsten die sechs Jahre Theaterarbeit, die ich gemacht habe, schädigen würden. Bei der Besetzung und mit den Produktionsmitteln, die uns hier zur Verfügung gestanden habe, haben wir viel erreicht. Natürlich weiß ich jetzt, dass es falsch war die Doppelfunktion zu übernehmen (als künstlerischer und kaufmännischer Leiter, Anmerkung der Redaktion). Aber das ist alles komplett müßig. Ich habe Verantwortung übernommen und kann mich ihr jetzt nicht entziehen.

Was denken Sie über die Ursache für diese Situation?
Diese Person, die uns so geschädigt hat auf mehreren Ebenen, ist schuldig. Und deswegen hat sie es nicht verdient, dass ihre Schuld Konsequenzen nach sich zieht für andere. Deshalb muss das Theater erhalten bleiben.

Und was wird das JT nach den „Räubern“ noch bieten?
„Warten auf Zukunft“ von Oliver Kluck, das wir als zweites Theater ab 16. September spielen. Darin geht es um das Karrierestreben von Jung-Akademikern und die daraus resultierende Oberflächlichkeit. Danach kommt als Kinderstück das Pinocchio-Thema.

Mit welcher Überzeugung gehen Sie in diese Spielzeit?
Jetzt erst recht klingt trotzig. Eher: Jetzt besser! Auch ehrlicher mit Blick auf den Innenprozess. Der interessiert mich als Künstler, weil ich fest daran glaube, dass Innenprozesse in der Kunst sich immer nach außen transportieren.

Womit eröffnen Sie in einem Jahr die Spielzeit?
Das weiß ich im Januar 2011.

Ihr Vertrag wurde im Jahr 2009 bis 2016 verlängert. Bleiben Sie dabei?
Mal gucken.

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