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Experiment mit Kurzwellenempfänger

Studenten der Musikwissenschaften im Accouchierhaus Experiment mit Kurzwellenempfänger

Werke des im Jahr 2007 verstorbenen Komponisten Karlheinz Stockhausen haben bis zum Ende musikalisches Neuland betreten. So hat auch das Berliner Trio Nexus mit seinen Stockhausen-Aufführungen im Accouchierhaus mit vier Solowerken aus verschiedenen Schaffensperioden des Künstlers für viele Überraschungsmomente gesorgt. Das Musikwissenschaftliche Seminar setzte mit der zweiten Veranstaltung im Rahmen der Konzertreihe „Musica Viva“ ein weiteres Ausrufezeichen für Neue Musik.

In der Phase, in der „Zyklus“ (1959) entstand, versuchte Stockhausen, dem Interpreten mehr gestalterische Verantwortung einzuräumen. So wird die Abfolge der musikalischen Phrasen nicht vom Komponisten bestimmt, sondern in das Belieben der Interpretin Claudia Sgarbi gestellt. In dem zwei Jahre später komponierten Klavierstück X arbeitet Stockhausen – typisch für die Entstehungszeit – mit Clustern. Wenn Pianist Frank Gutschmidt diese dichten Akkorde mit Handflächen und Unterarmen anschlägt, entfaltet sich in der weiten Akustik des Accouchierhauses ein enormes Klangspektrum.

In „Spiral“ (1968) für Solist und Kurzwellempfänger gesteht Stockhausen dem Interpreten noch größere Freiheiten als in „Zyklus“ zu. Es ist lediglich ein Verarbeitungsschema vorgegeben, das die Improvisation anleiten soll. Erik Dreschers Querflöte ist ebenso wie das neben ihm stehende Radio elektronisch verstärkt. Es rauscht und fiept ununterbrochen. Dazu bläst Drescher in die Flöte und erzeugt weniger Ton als Geräusch. Dann dreht er an dem Sender, hält für ein paar Sekunden an einer unverständlichen Reportage an und passt sein Spiel dem Signal an. Er imitiert den Sprechrhythmus.

Dagegen überrascht das späte Klavierstück „XIV(1984)“ mit einer melodischeren Musiksprache, die selbst Anklänge an die Tradition nicht scheut. Mit den ausgewählten Stücken Stockhausens wird nicht nur die kompositorische Entwicklung des Komponisten deutlich. Auch geht es vor dem Hintergrund seiner Musikidee um die Frage einer freien, eigenen Ästhetik des Interpreten.

Von Rhea Maria Richter

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