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Fadenheftung und Papierqualität

Literarisches Zentrum Fadenheftung und Papierqualität

Mit Verlegern setzt sich das Literarische Zentrum in einer  neuen Reihe auseinander. Den Auftakt machte am Donnerstagabend, 11. Juni, Reto Ziegler, Verleger und Lektor aus Wien. Zu Gast im Zentrum war auch eine seiner Autorinnen, die Lyrikerin Anja Utler.

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Autorin und Verleger: Anja Utler und Reto Ziegler im Literarischen Zentrum.

Quelle: Mischke

Ziel der jährlichen Reihe sei es, Verlegerpersönlichkeiten, herausragende Verlagsprofile, erstaunliche Lektorate und wirtschaftlich ruinöse oder prosperierende Konzepte vorzustellen, sagt der Leiter des Literarischen Zentrums, Hauke Hückstädt. Er wolle auf die Vielfalt im Verlagswesen aufmerksam machen: auf die großen Dampfer, aber auch auf die kleinen Boote. Mit einem solchen hat die Reihe begonnen. 

Ein Verlag wie ein Tagtraum sei die „Edition Korrespondenzen“ von Reto Ziegler. Etwa 30 Autoren verlegt der 43-jährige in seinem vor neun Jahren gegründeten Verlag. Spezialisiert hat sich Ziegler neben deutschsprachigen Autoren auf Lyriker aus Osteuropa, besonders aus dem slawischen Raum.

 Mit Prosa allein könne sein Verlag finanziell nicht bestehen, bekennt Ziegler, der als Geschäftsführer des Ein-Personen-Unternehmens auch einen Großteil seiner Arbeit damit verbringt, die Finanzierung sicherzustellen. Unter anderem bemüht er sich um Fördergelder. Im Bereich der Lyrik gebe es größere Freiheiten. „Lyrik-Leser sind Suchende, und irgendwann stoßen sie auf uns“, so Ziegler. Dazu reiche ein Lyrikregal in einer Buchhandlung. Das funktioniere bei Prosa nicht.

Neben den Texten begeistert sich Ziegler aber auch für das Buch als Medium. Die Präsentation des Wortes nimmt einen wichtigen Teil der Arbeit ein. Er wolle bei jedem Buch die Lösung finden, die dem Text entspricht. „Die einzigen Dogmen beim Büchermachen sind Fadenheftung und Papierqualität“, sagt Ziegler, der mit der Umschlaggestaltung seiner Edition den Architekten Leif Ruffmann beauftragt hat. Einen Grafiker hat der Verleger nicht. Herausgekommen ist ein Konzept mit Wiedererkennungswert. Eine Zeile in der Handschrift des  jeweiligen Autors wird auf den Umschlag gedruckt. Mit einer Ausnahme: Anja Utler hat das nicht. „Sie zickt ein wenig“, sagt die Autorin von sich selbst. Bevor sie eine Leseprobe ihrer sehr speziellen Lyrik gibt. Die Gräuel des Dritten Reichs hat sie in ihrem neuen Buch „jana, vermacht“ thematisiert. Ein Zwiegespräch zwischen Enkelin und Großmutter, das die Frage stellt: „Wie war Dir damals, als das geschah?“

 Utler wählt ein extremes Stilmittel, den so genannten Glottisschlag, einem Knacklaut, bei dem die Sprache wie verschluckt, wie gewürgt  ausgestoßen wird. So entsteht eine Sprache, die das wohl kaum zu ertragene Leid in einer Art in den Text transportiert, die beim Hören den ganzen Körper ergreift – schwer zu ertragen.

Von Eida Koheil

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