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Fatma Aydemir liest in Göttingen

„Ellenbogen“ Fatma Aydemir liest in Göttingen

In blinder Wut auf Eltern, Lehrer und abweisende Türsteher vor dem Club ist eine 18-jährige Türkin zur Totschlägerin geworden. Romanautorin Fatma Aydemir hat ihre preisgekrönte Milieustudie „Ellenbogen“ am Mittwoch im Literarischen Zentrum in Göttingen 20 Zuhörern vorgestellt.

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Fatma Aydemir

Quelle: Hinzmann

Göttingen. In blinder Wut auf Eltern, Lehrer und abweisende Türsteher vor dem Club ist eine 18-jährige Türkin zur Totschlägerin geworden. Romanautorin Fatma Aydemir hat ihre preisgekrönte Milieustudie „Ellenbogen“ am Mittwoch im Literarischen Zentrum in Göttingen 20 Zuhörern vorgestellt.

Die vielen Vorfälle der vergangenen Jahre, in denen perspektivlose Heranwachsende ihnen unbekannte Menschen zusammenschlugen oder gar töteten, hätten sie zu dem Roman angeregt, erklärte Aydemir im Gespräch mit Journalistin Doris Akrap. Sie habe aber nicht „noch eine Reportage“ schreiben, nicht noch eine „Gesamterklärung“ bieten wollen, erklärte Aydemir. Die Enkelin türkischer Gastarbeiter, die wie Akrap bei der linksalternativen taz in Berlin arbeitet, lässt in ihrem Debütroman die Hauptfigur Hazal in einem langen Monolog erzählen.

„Eine Antwort kennt Hazal allerdings auch nicht“, stellte Aydemir in Göttingen klar. Machen die Ellenbogenstöße der Mitmenschen sie so zornig? Vielleicht sei die Wut auch „ererbt“, lässt die Autorin die junge Frau im Buch rätseln. Damit greift Aydemir eine Erklärung auf, die sie an der medialen Berichterstattung stört: die „Ethnisierung der Gewalt“. Nicht alle Täter seien Migranten, betonte sie. Die Gewalt komme nicht von außen, sondern habe ihre Ursachen in der deutschen Gesellschaft.

Die Autorin skizzierte während der Lesung, die noch zum Literaturherbst-Programm gehört, die Geschichte: Hazals Vater ist Taxifahrer. Wenn er zuhause nicht mehr weiter weiß, schlägt er zu. Seine Freizeit verbringt er lieber im Café. Hazels Mutter tröstet sich mit türkischen Schmachtserien. Hazals Bruder verkehrt in kleinkriminellen Kreisen. Hazal selbst absolviert eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme, zu der ein Praktikum gehört. Sie macht es lustlos in der Bäckerei des Onkels. Heiraten und sich mit Goldschmuck „behängen“ lassen will sie nicht.

Gegen den Willen der Eltern betrinkt sich die Romanheldin an ihrem 18. Geburtstag mit zwei Freundinnen, einer Alevitin und einer Bosnierin. Als die Türsteher vor dem Club sie nach langem Warten nicht hereinlassen, ist das Fass voll. In der U-Bahnstation legen sie sich mit einem Studenten an, der die Situation zunächst nicht ernst nimmt und sogar zu flirten versucht. Am Ende liegt er tot auf den Gleisen.

Ob die Geschichte nicht das Klischee von den ungebildeten, gewalttätigen Ausländern bestätige, das etwa die AfD verbreite, wollte Akrap von Aydemir wissen. Hazal und ihre Freundinnen widerspächen „voll dem Stereotyp“ hielt die Autorin dagegen. Muslimische Mädchen würden sonst als schwache und wehrlose Opfer dargestellt. Sie zögen nicht nachts betrunken und prügelnd durch die Stadt.

Die Geschichte endet nicht mit dem Verbrechen. Hazal, die ihre Tat nicht bereut, flieht nach Istanbul zu einem Facebook-Freund. Sie landet in einer verwahrlosten Wohnung, in der dreckiges Geschirr als Aschenbecher dient. Ihr Türkisch erweist sich als schlecht. Auf der Straße folgen ihr ständig die Blicke der Männer. Dann versucht das Militär zu putschen.

Von Michael Caspar

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