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14:01 22.08.2016
Erstaunt über die Modernität von Psalmen: Mechthild und Michael Staemmler.            Quelle: Wenzel
Bursfelde

Wunderschön klingt das Cello im Westschiff der 1000 Jahre alten Klosterkirche. Nur der Schatten der Göttinger Musikerin ist auf der weißen Leinwand zu sehen. Eingerahmt ist sie von zwei Packpapier-Bahnen. Scheinwerfer tauchen sie mal in kaltes Licht, mal bringen sie sie goldfarben-warm zum Leuchten. In Trenchcoats kommen Mechthild und Michael Staemmler, die das mobile Theater Gingganz 1984 gegründet haben, durch die Kirche. Auf der Bühne machen sie es sich bequem.

An einer Leine hängen Zettel aus handgeschöpftem Papier. Die beiden greifen nach ihnen, lesen einen Zettel nach dem anderen vor. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, wird Dietrich Bonhoeffer zitiert. Das bringt die zweifelnde, suchende Stimmung des Abends auf den Punkt.

Martin Luther lobt die Texte in seiner Abhandlung über die Sprachkraft der Psalmen. Jeder finde in den Liedern, so der Reformator, was sich auf seine Lage reime und so auf ihn passe, als wären sie nur um seinetwillen so geschrieben. Das Reformationsjubiläum gab den Anlass für die Inszenierung. Dann entdecken die Staemmlers auf einem Pult ein großes, altes Buch und beginnen staunend die 2500 Jahre alten Texte in Luthers Übersetzung zu lesen. Erstaunlich frisch wirkt das Geschriebene.

Ergänzend gibt es Psalmen-Nachdichtungen von Ralf Rothmann und dem Exiliraner Said zu hören. Zu Psalm 73 lassen die Theatermacher auf der Leinwand ein Schattenmännchen den gottlosen Reichen mimen, der Schätze auf Kosten der Armen anhäuft. Immer voller wird sein Einkaufswagen, bis er umfällt. Zu Psalm 69 leert in einer Videoübertragung Mechthild ­Staemmler als Trinkerin in tiefer Verzweiflung eine Flasche.

Cellistin Fuchs, sie sitzt mittlerweile vor der Leinwand, sucht die Gefühle musikalisch auszudrücken. Sie spielt Suiten von Johann Sebastian Bach, aber auch schottische Volkslieder und eigene Kompositionen. Zum Klagepsalm 137, der „an den Wassern zu Babel“ das Leid im Exil in Worte fasst, erklingt Max Regers Cello-Suite d-Moll. Auf der Leinwand erscheinen Bilder von Explosionen, zerbombten Städten, Flüchtlingstrecks und Zeltlager, die bis zum Horizont reichen.

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