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Flächendeckendes Beleidigen

Serdar Somuncu Flächendeckendes Beleidigen

Bizarr ist das Szenario, das sich am Montagabend im Zentrale Hörsaalgebäude (ZHG) der Göttinger Universität abspielt. Im Hörsaal, Raum für intellektuelle, meist trockene, Begegnungen mit stetiger Platzgarantie, fehlen tatsächlich Sitzgelegenheiten. Man quetscht sich also mit frisch erstandenem Bier auf die Treppe, freie Plätze gibt es schon lange nicht mehr, um dem „Hassprediger“ zu lauschen. So nennt sich der in Istanbul geborene Kabarettist Serdar Somuncu in seinem neuen Bühnenprogramm. „Eingedeutschter Kanake“ oder einfach nur „Arschloch“ kommen ihm derweilen auch über seine unversiegelten Lippen.

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Derb und drastisch: Serdar Somuncu.

Quelle: EF

Somuncus Credo, „Flächendeckend jeden und alles beleidigen, bis ich es mir mit jedem verschissen hab’“, stellt er sogleich gekonnt unter Beweis. „Macht ja eure You-tube-Kameras aus“, gröhlt er zur Einstimmung ins Publikum, „weil ich diesen Auftritt nie wiedersehen will. Es reicht mir schon, dass ich an einem Montagabend in Göttingen abhänge“. Ähnlich liebevoll bedenkt Somuncu den über die Bühne laufenden Tontechniker: „Ey, was soll’n dieser sinnlose Gang, Alter? Doch du hast wenigstens Humor und lachst über die Scheiße, die du da machst.“ Sportlich steht der 40-jährige studierte Künstler da: Rasierter Kopf, weißes Shirt und Baggypants. Bereit, um den Kampf gegen alle, aber auch gegen sich selbst aufzunehmen und nicht um jeden Preis zu gefallen.
Kulisse für Pöbeleien

Dass der Provokateur dennoch ankommt, steht an diesem Abend außer Frage. Seine Show wurde vom Vertigo ins ZHG verlegt, um noch mehr Fans unterzubringen und Somuncus Pöbeleien eine geeignete Kulisse zu bieten. Doch was macht den 40-Jährigen Rüpel eigentlich aus? Türkische Komödianten, die den kulturellen, oftmals gescheiterten Dialog zwischen Deutschen und Türken auf die Schippe nehmen, gibt es wie Sand am Meer.
Somuncu ist oft derber, direkter und drastischer als seine Landsleute. Vor sechs Monaten stand der aggressive Sprücheklopfer zum letzten Mal eine Bühne betrat. „Ich muss endlich Dampf ablassen, es ist wie ein Ejakulat.“ Als lautes Gelächter im Hörsaal ertönt, setzt er noch einen drauf: „Ich sag nur das, was ihr euch nicht auszusprechen traut.“ Und das betrifft „schwule Minister“ ebenso wie „amerikanische Neger, die noch nichts, außer ihrer Hautfarbe geleistet haben“, bis hin zu „deutschen Nazis“. Das Publikum lacht lauthals – als stünde vorn der Messias, den das folgsame Volk blind bejubelt. Das erkennt Somuncu und schreit: „Ich bin euer Hassias und habe zwei Millionen Hasspunkte Vorsprung“.

Von Katharina Bednarz

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