Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Flucht vor den Qualen einer Busfahrt

Jochen Malmsheimer im DT Flucht vor den Qualen einer Busfahrt

Mit einem Ausflug in die Weltliteratur hat Jochen Malmsheimer am Sonntagabend sein Publikum überrascht. Der in Essen geborene Kabarettist war im gut besuchten Deutschen Theater (DT) Göttingen zu Gast, wo er in seiner gewohnt stimmgewaltigen Art von einer außergewöhnlichen Reise berichtete.

Voriger Artikel
Musik wie ein Sonnenaufgang
Nächster Artikel
Kunst-Verein wählt neuen Vorstand

Jochen Malmsheimer erzählt in seinem neuen Programm "Dogensuppe Herzogin - ein Austopf mit Einlage" im Deutschen Theater Göttingen von einer ganz besonderen Begegnung.

Quelle: Niklas Richter

Göttingen. Was haben Kapitän Ahab, Odysseus, Wilhelm Tell, Lederstrumpf, Jim Knopf, König Artus, Sherlock Holmes, Martin Luther und Robin Hood gemeinsam? Sie alle sitzen in einer warmen Sommernacht anno 2017 zusammen in einem Reisebus auf der Autobahn 7 in Richtung Venedig. Dazu kommen noch die drei Apachenhäuptlinge Winneone, Winnetwo und Winnethree, Long John Silver, Marco Polo, Robin Hoods Gegenspieler, der Sheriff von Nottingham, und noch eine ganze Reihe weiterer Legenden, die eigentlich unmöglich dort sein können – eigentlich, denn dies ist nur der Traum von Jochen Malmsheimer. Sie alle sind die Helden seiner Kindheit, denen er in dieser Nacht wieder begegnet. Es ist ein flammender Appell, den Malmsheimer seinem Publikum mit voller Wucht entgegenschleudert, gegen Verblödung durch Talk- und Castingshows, für mehr Bildung und Phantasie. „Ich wünschte mir also, dass Sie jetzt nach Hause gehen, die Glotze aus- und den Computer links liegen lassen und ein Buch in die Hand nehmen.“

Verpackt war dieser Aufruf in eine jener Alltagsgeschichten, für die der frühere Hausmeister der ZDF-„Anstalt“ so bekannt und beliebt ist: eine Busreise nach Venedig, zu der ihn seine Frau genötigt hatte. Mit dem Flugzeug ging das nicht, denn: „Höhe als Aussicht, Zustand oder Versprechen ist mir gleichermaßen zuwider.“ Da auch Pkw und Zug als Fortbewegungsmittel ausschieden, blieb nur noch eine Möglichkeit. „Zwölf Stunden in einem Bus können lang werden“, stellte Malmsheimer fest. „Busse und Buße schreiben sich heutzutage nicht umsonst gleich.“ So geht es denn gen Süden, unter allerlei Schmerzen eingezwängt zwischen älteren Herrschaften größeren Formats, „Heranwichsenden“ (Kein Schreibfehler!) und Ehepaaren, die „jegliche sexuelle Aktivitäten zugunsten gemeinsamer Bügelabende eingestellt haben“.

Von der „Generation 'Glotz auf die Hand'“ und ihren Smartphones hält Malmsheimer ebensowenig wie von der Talkshow, mit der er zu nachtschlafender Zeit zwangsweise berieselt wird. „Der Begriff 'Bill-Dung' setzt sich aus den Bestandteilen 'bill' für Englisch 'Rechnung' und 'Dung' wie Dünger zusammen“, lässt Malmsheimer einen der wenig kompetenten Talkgäste feststellen. „Das heißt, dass das Wesen des jungen Menschen mit Wissen gedüngt werden muss und dass das teuer ist.“ Als die Talkrunde dann von achtjährigen Gymnasium G8 auf das schadhafte Gewehr G36 der Bundeswehr kommt, gleitet das Gespräch endgültig ab. Es sind diese Seitenhiebe auf die zunehmende Verblödung in der Gesellschaft, mit der Malmsheimer seine Zuhörer anstacheln will und dies auch schafft.

Um Politik geht es ihm dabei nur am Rande. „Tatsache ist, dass man in der Quantenwelt Teilchen allein dadurch, dass man sie beobachtet, verändert“, sinniert der gebürtige Essener und wünscht sich diese Eigenschaft auch für die Menschheit. „Wäre es nicht wundervoll, wenn man Idioten allein durch Beobachtung zur Erkenntnis ihres ungeheuren Idiotenseins führen könnte, der vielleicht sogar eine eigene Entidiotisierung auf dem Fuße folgen könnte und so die Menge an Spitz- und Flachköpfen, Maulärschen und Kompostschädeln durch Zu-, An- und Draufsicht endlich mal wieder kleiner würde? Man könnte enzephale Pegidioten, AfDöse Genitalwarzen und den braunen Klärschlamm, die ganze nationale Jauche, die uns um die Füße schwappt, allein durchs Hinschauen verändern, und da es ja dümmer nimmer geht, wird’s zwangsläufig besser.“ Für jene empfiehlt Malmsheimer einen Einsatz als Wellenbrecher im Rheintal oder als Anstreicher bei Offshore-Windkraftanlagen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Sein eigentliches Thema aber ist der Traum, in den er schließlich gleitet, eingelullt vom Hintergrundgeräusch aus Klimaanlage, Dieselmotor und dem Schnarchen der Mitreisenden. Als Malmsheimer wieder zu sich kommt, sitzt neben ihm statt seiner Frau Long John Silver, der schillernde Pirat aus Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“. „Er richtete sein Holzbein akkurat im Mittelgang aus und raunte mir ein heiseres 'Ahoi, Jimbo! Wir sind hier, welcher Kurs liegt an' entgegen“, beschreibt Malmsheimer die unheimliche Begegnung der dritten Art. Auch sonst füllt sich der Bus langsam mit den schon erwähnten Helden, die den Kabarettisten zu jenem Reisetagebuch bewegten, das er im Deutschen Theater vorstellte. Das Publikum quittierte diesen detailverliebten Ausflug in die weite Welt der Phantasie mit stürmischem Applaus.

Göttinger Kultursommer

Mit Malmsheimers Kabarett-Abend verabschiedet sich das DT in die Sommerpause. Erst am Sonnabend, 12. August , geht es im Zuge des Göttinger Kultursommers mit der Theaterperformance „Jedermann Reloaded“ weiter, in der aus Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ ein geldgieriger Rockstar der heutigen Zeit wird. Beginn ist um 20.30 Uhr.

  • Der Kultursommer geht allerdings schon am Freitag, 30. Juni , weiter. Das Open Air Kino im Freibad Brauweg zeigt ab 22 Uhr die finnische Komödie „Die andere Seite der Hoffnung“. Die weiteren Filme (Beginn 22 Uhr): „Frühstück bei Monsieur Henri“ (1. Juli), „Tanna“ (7. Juli), „Birnenkuchen und Lavendel“ (8. Juli), „Wilde Maus“ (14. Juli), „Es war einmal in Deutschland“ (15. Juli), „Raving Iran“ (20. Juli), „Blade Runner“ (Director‘s Cut, 21. Juli, ab 21.45 Uhr)
  • Crossing the Waters : Sommernachtskonzert mit Sascha Münnich, Christiane Eiben und Svavar Knútur im Alten Rathaus am 1. Juli, 20.30 Uhr.
  • Together in Music : Musikalische Reise mit Radio Euroa, 9. Juli, 20 Uhr, Altes Rathaus.
  • Ruhe bewahren : Kabarett mit Luise Kinseher , 16. Juli, Altes Rathaus, 20 Uhr
  • Entscheidet Euch: Kabarett mit Florian Schroeder , 22. Juli, Altes Rathaus, 20.30 Uhr
Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag