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Flieder-Requiem und der Mord am Präsidenten

Kantoreien konzertieren mit Symphonikern Flieder-Requiem und der Mord am Präsidenten

Paul Hindemiths 1946 in den USA komponiertes Werk „When Lilacs Last in the Door-Yard Bloom’d“ beruht auf Texten des amerikanischen Dichters Walt Whitman. Es ist ein Requiem, also ein Chorwerk, das im weitesten Sinne den Tod zum Thema hat. Der vorwiegend lyrisch gehaltene Text ist durch die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (1865) angeregt worden.

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Große Kooperation: die Göttinger Jacobi-Kantorei, die Luther-Kantorei aus Herzberg und das Göttinger Symphonie-Orchester.

Quelle: Theodoro da Silva

Es ist wohl der Verzicht auf einen eindeutigen christlichen Bezug, der diesem bedeutenden Requiem den Zugang zum kirchenmusikalischen Repertoire verstellt hat. Um so dankenswerter ist es, dass sich Stefan Kordes mit der Jacobi-Kantorei dieses sogenannten Flieder-Requiems angenommen hat. Er tat dies zusammen mit der von Karsten Krüger geleiteten Herzberger Luther-Kantorei – beide Chöre ergänzten einander in der Aufführung aufs Glücklichste.

Hindemith verwendet hier eine gemäßigt moderne Tonsprache. Der Bezug zu einer tonalen Basis (Grundtonart ist cis-Moll) ist stets erkennbar, auch wenn die Stimmen bisweilen in herben Dissonanzen geführt sind. Diese Klänge stehen aber immer im Dienst des musikalischen Ausdrucks, in erster Linie also der Verdeutlichung des Textes. Es geht darin auch um patriotischen Stolz, der sich freilich nicht militant artikuliert, sondern in Bildern der Natur.

Die Trauer um den toten Präsenten wendet sich rasch zu einer allgemeinen Betrachtung über den Tod: zum Hymnus „Denen, die wir lieben“ und zu einem weiteren Hymnus für den Tod, den Whitman tröstend als „lovely and soothing“ („lieb und sanft“ übersetzt Hindemith) bezeichnet. Dementsprechend hat der Komponist das Ende dieses Requiems, in der die Anfangszeile „Als Flieder jüngst mir im Garten blüht’“ wieder erscheint, ganz sanft verstummend gestaltet.

Widerpart des musikalisch stark geforderten Chores ist der Baritonsolist, dem Hindemith einen etwa gleich großen Teil der Musik, teilweise im Dialog mit dem Chor, anvertraut. Dafür hatte Jacobikantor Kordes Klaus Mertens gewinnen können, einen Sänger mit enorm großer Erfahrung, dessen Sicherheit und Ausdruckskraft im Verein mit seiner technischen Souveränität eine der tragenden Säulen dieser Aufführung war.

Den Vogel, der für die Seele des Dichters steht, hat Hindemith einer Mezzosopran-Solistin zugeordnet. Für diese Aufgabe reduzierte Anna Haase glücklicherweise die Kraft ihrer großvolumigen Stimme, mit der sie zuvor im Mendelssohn-Psalm ihren Tenor-Kollegen Karsten Krüger etwas bedrängt hatte.

Ein großes Kompliment haben die beiden Chöre verdient, die auf weite Strecken die hohen Anforderungen dieser Musik mit großer Sicherheit erfüllten. Dass hier und da die Intonation nicht ganz stabil blieb, ist angesichts der schwierigen Zusammenklänge nachvollziehbar. Und ein bisschen unscharf klang stellenweise der zentrale Lobpreis Amerikas, den Hindemith in einer großen Doppelfuge mit besonderen kontrapunktischen Schwierigkeiten gespickt hat. Doch konnte dies den bewegenden Gesamteindruck dieses außergewöhnlichen, von Stefan Kordes mit großer Präzision und sichtbarem Engagement geleiteten Abends nicht nachhaltig schmälern.

Da das Requiem nicht abendfüllend ist, gab es zu Beginn die Hebriden-Ouvertüre und den 115. Psalm „Nicht unserm Namen, Herr“ von Mendelssohn sowie Samuel Barbers „Adagio for Strings. Schon hier, später dann noch eindrucksvoller im Hindemith-Requiem, präsentierte sich das Göttinger Symphonie-Orchester als höchst professioneller Instrumentalpartner der Vokalisten – mit einer geschlossenen Ensembleleistung, aber auch mit etlichen schönen solistischen Beiträgen. Der reiche, anhaltende Beifall in der nicht ganz voll besetzten Kirche war hochverdient.

Von Michael Schäfer

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