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Die Helden von Florian Illies

Literaturherbst Die Helden von Florian Illies

Eigentlich hätten Florian Illies und Prof. Michael Thimann gut zusammenpassen können. Illies stellte beim Göttinger Literaturherbst in der Aula der Universität sein neues Buch vor, Thimann moderierte. Beide verbindet ein Interesse an der Romantik. Doch zu unterschied­lich sind ihre Herangehensweisen.

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Florian Illies in der Aula der Universität am Wilhelmsplatz.

Quelle: Niklas Richter

Göttingen. „An meiner Antwort werden Sie gleich sehen, warum es bei mir nicht zum Professor gereicht hat.“ Und weiter: „Ich glaube, ich habe einen sehr eigenen Zugang zu der Kunst des 19. Jahrhunderts.“ So klärte Illies nach einer der ersten, sehr akademischen Fragen von Thimann das Verhältnis untereinander. Thimann ist eher der klassische Kunsthistoriker, Illies der Essayist, der Kunst anders wahrnimmt und sie auch methodisch anderes einordnet. „Ich hatte ein sehr unglückliches Kunstgeschichtsstudium“, erklärte Illies.

Texte zur Kunst aus 25 Jahren

Sein Buch „Gerade war der Himmel noch blau“ soll am 26. Oktober erscheinen. Erste Exemplare konnten in der Uniaula gekauft und von Illies signiert werden. Darin versammelt hat der Autor Texte zur Kunst aus 25 Jahren, beispielsweise einen „Liebesbrief an eine Person, um die ich mich sehr lange herumgedrückt habe, weil sie so groß ist: Caspar David Friedrich“. Die Huldigung des großen deutschen Romantikers las Illies zu Beginn.

Um Friedrichs besonderes Verhältnis zum Himmel und den Wolken geht es darin („Sie haben wohl den Himmel immer gesiezt?“) und seine zu Beginn verehrendes Verhältnis zu Goethe, den er später bei einer Bilderbestellung habe abblitzen lassen, so Illies. Drei Abbildungen der verschiedenen Wolkengattungen wollte Goethe von Friedrich kaufen, doch der beschied: Kunst sei nicht zum Illustrieren wissenschaftlicher Ordnungssysteme da.

„Selten lese ich etwas theoretisches dazu“

Er beschäftige sich mit der Vergangenheit, „weil ich das Gefühl habe, es kümmern sich schon sehr viele Leute um die Gegenwart“, erklärte Illies. Er beschäftige sich mit der Kunst, wenn der Mensch dahinter sichtbar werde. Er komme immer vom Werk her, „dann schaue ich auf das Leben, und selten lese ich etwas theoretisches dazu“.

Ein besonderes Interesse hat Illies an der deutschen Romantik. Seine Begründung: Das 19.Jahrhundert hatte das traurige Schicksal, dass es von den Nazis geschätzt wurde.“ Nachvollziehbar also, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Kunsthistoriker sich auf die durch den Krieg verpasste Klassische Moderne zu stürzen. „Die großen Namen wie Caspar David Friedrich und Adolph Menzel kennt man noch“, aber tausende andere hätten damals auch gemalt. Das ermögliche Entdeckungen, so Illies.

Ein großartiger Leser und ein sehr munterer Unterhalter

Illies ist ein großartiger Leser und ein sehr munterer Unterhalter. Er erzählt an diesem Abend von seinen „Heiligen in der Kunstgeschichte: Caspar David Friedrich und Andy Warhol. Beide leisteten laut Illies das, was große Kunst ausmacht. Sie hätten ihre Zeit aufgesaugt und ließen sie über die Zeit hinausstrahlen. So habe Warhol schon sehr früh das Serielle entdeckt, „das Prinzip der Moderne“.

Über Wolken sprach Illies und ihren Platz in der Kunstgeschichte, über den Drang vieler Romantiker Tiere zu malen („Da muss man einen ganz großen Bogen drum machen“) und über glatzköpfige Mönche in der italienischen Malerei. Ein großes Thema war noch das Jahr 1913, dem Illies ein ganzes Buch gewidmet hat und das gerade verfilmt wird. Die Auslöser für seine Beschäftigung mit diesem Jahr? Kasimir Malewitsch malte sein berühmtes schwarzes Quadrat, einer der zahlreichen Endpunkte der Malerei, und Marcel Duchamp schuf sein erstes Readymade, der Moment, „ als die Kunst vom Auge ins Gehirn wanderte“, erläuterte Illies. Beides sei für ihn unerwartet früh passiert. „Das waren die Funken, die zusammenschlugen.“

Florian Illies: Gerade war der Himmel noch blau“, S. Fischer, 20 Euro, 304 Seiten.

Von Peter Krüger-Lenz

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