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Regional „Förderung des musikalischen Sinnes“
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18:37 22.06.2010
Zwölf Mitglieder wohnen derzeit „auf dem Haus“: der Sitz der „Blauen Sänger“ im Düstere-Eichen-Weg. Quelle: Hinzmann

Sie sind eine studentische Vereinigung und werden deshalb – schließlich haben sie ja auch eine Fahne – gern in einen Topf mit Korporationen geworfen. Aber das sind die „Blauen Sänger“, die von Donnerstag, 24., bis Sonntag, 27. Juni, ihr 150-jähriges Jubiläum feiern, heutzutage nicht. Ihre Selbstbeschreibung lautet: „Bei den Blauen Sängern handelt es sich um eine Gemeinschaft von Studentinnen und Studenten verschiedener Fachrichtungen, die ihr gemeinsames Interesse an musischen Ausdrucksformen zusammengeführt hat.“ Im Mittelpunkt stehen Musik und Theater. Orchester, Chor, Bigband und Theaterensemble erarbeiten in wöchentlichen Proben während des Semesters ein Programm, das am Semesterende aufgeführt wird.

Keimzelle der „Blauen Sänger“ waren acht Göttinger Studenten, die sich im Herbst 1858 zusammenfanden, um Quartettgesang zu pflegen. Damit bestritten sie ein Jahr später, im Herbst 1859, in Adelebsen ein Konzert samt Ball. Der Vater eines dieser Studenten, Pastor Großcurth, hielt bei dieser Gelegenheit eine „patriotische Rede“, bei der er die Gruppe zur weiteren Pflege der Musik und der Gemeinschaft ermahnte. Das trug Früchte: Ein Aufruf an die Studentenschaft zur Gründung eines Studenten-Gesangsvereins brachte zu Beginn des Wintersemesters 1859/60 ein gut 40-köpfiges Ensemble zusammen, das Ende Januar 1860 sein erstes Konzert gab. Bald schlug die Geburtsstunde der organisierten Gemeinschaft. Deren Gründungsurkunde ist verloren gegangen, doch gibt es ein erstes Versammlungsprotokoll, ausgefertigt am 20. Juni 1860. Dieser Tag gilt als Gründungsdatum. Der „Studentengesangverein der Georgia Augusta“ (St. G. V.) hatte als Vereinsziel die „musikalische Unterhaltung und Förderung des musikalischen Sinnes durch Übung und Aufführung von Männerquartetten“ formuliert. Damit ist dieser Verein die älteste kulturelle Studentengruppe der Georg-August-Universität in Göttingen.

Kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches gaben sich die „Blauen Sänger“ den Status einer Korporation mit Insignien: Zirkel, Wappen und Farben. Zugleich streckten sie ihre Fühler nach Gleichgesinnten aus, ähnlich strukturierten Musikverbindungen in Berlin, Wien, Greifswald, München und Würzburg, mit denen sie einen Kartellverband bildeten. Er war die Keimzelle des späteren Sondershäuser Verbandes akademisch-musikalischer Verbindungen (SV).

Streitigkeiten über die Frage des Farbentragens und der Mensur führten 1887 zu einer Spaltung. Die Couleurbefürworter konstituierten sich als farbentragender „Akademischer Gesangverein Gottinga“ mit den Farben grün-weiß-gold, kurz die „Grünen Sänger“, der Studenten-Gesangverein gründete sich nach den alten Prinzipien neu und wurde „Blaue Sänger“ genannt.

Bald schon bezogen die „Blauen Sänger“ ein eigenes „Bundeshaus“, das bis heute bestehende Gebäude am Düstere-Eichen-Weg 26, das, entworfen von dem hannoverschen Architekten Eduard Wendebourg, am 24. Mai 1904 eröffnet wurde.
Das musikalische Leben der „Blauen Sänger“ war rege. Sie stellten den Chor der Universität, ihr Dirigent war zunächst der Akademische Musikdirektor Otto Freiberg, 1933/34 dann der Philosoph und Theologe Wilhelm Kamlah, der zu den Pionieren der Wiederentdeckung des Komponisten Heinrich Schütz gehört. Neben der Chorarbeit waren die Blauen Sänger auch kompositorisch aktiv, schrieben „kleine Opern und Singspiele meist komödiantischen Inhalts, die zu den Festen ihre rauschenden Aufführungen erlebten“, so die Chronik.

Den Nationalsozialismus sahen viele Mitglieder im Jahr 1933 positiv, sie hielten ihn für fähig, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Doch die geforderte Gleichschaltung im „National-Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ konnten sie nicht mittragen. So wurde am 26. Oktober 1935 die Aktivitas aufgelöst, ebenso einen Tag später der Sondershäuser Verband. Versuche, über den Altherrenverband die „Blauen Sänger“ wiederzubeleben, scheiterten. Das Haus, das in den Besitz einer Nazi-Organisation übergegangen war, wurde nach Kriegsende von den britischen Truppen als Unteroffiziersheim genutzt, anschließend an die Werner-Schule vom Roten Kreuz vermietet. Am 19. November 1951 konnte die „Blauen Sänger“ ihren Besitz wieder übernehmen. Vom Inventar übriggeblieben waren drei Tische, sieben Stühle und ein Spaten.
Vor allem mit der Chorarbeit traten die Blauen Sänger in den Folgejahren an die Öffentlichkeit. Vom reinen Männerchor wurde er Mitte der 1950er-Jahre durch die Aufnahme des Händelchores zu einem großen gemischten Chor. Zu den Glanzpunkten der Geschichte gehört eine Aufführung von Beethovens 9. Symphonie zusammen mit dem Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Günther Weißenborn. 1958 benannten sie sich „Studentische Musikverbindung an der Georgia Augusta im SV“, 1969 – verbunden mit einer Abkehr von vielen korporativen Traditionen – in „Studentische Musikvereinigung Blaue Sänger“. Bald darauf durften auch Frauen Mitglied der „Blauen Sänger“ werden. Noch etliche Jahre wurde diese „Damenfrage“ im Sondershäuser Verband kontrovers diskutiert, bis der Streit 1993 beigelegt wurde und nun die Gleichberechtigung auch bei den Blauen Sängern durchgesetzt ist.

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