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Frösche vom Asphalt gesammelt

Ausstellung „Kinderspiele“ Frösche vom Asphalt gesammelt

Drei plattgedrückte, ledrig steif gewordene Frösche klemmen unter dem Glas des Bildträgers. Zwei von ihnen hält ein gezeichneter kleiner Junge in der Hand, empathielos und stolz.

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Wie aus einer vergangenen Zeit: die Kinder Kerstin Grimms.

Quelle: Heller

Diese Arbeit Kerstin Grimms markiert zwei Endpunkte der unter dem Titel „Kinderspiele“ im Künstlerhaus Göttingen ausgestellten Zeichnungen und Skulpturen. Auf der einen Seite erreicht hier die Grausamkeit von Kinderspielen, forschend aber auch kalt alles ausprobierend, einen Höhepunkt, auf der anderen Seite manifestiert sich hier die Sammelleidenschaft der Künstlerin statt in Zitaten auf materielle Weise.

Die Zeichnungen und Collagen scheinen ihren Ursprung in einer anderen Zeit zu haben, das Formenrepertoire ist heute nicht mehr im Alltag zu sehen, es weist zurück. Die Formensprache erinnert an die Darstellungen in Kinderbüchern der Zeit von 1850 bis 1900, Lewis Carrolls Alice würde Gefährtinnen finden. Blass und von morbider Transparenz, fahl und nur sachte umrissen, zart gefärbt, wirkt es, als seien die Figuren vollkommen jenseits der Popkultur beheimatet. Hinter Bühnenvorhängen in oft frontaler Stellung wirken sie dennoch wie alte Bekannte, deren Herkunft man nur ahnt. Tiere sind ihnen zur Seite gestellt, Weimaraner, Hasen, geflügelte Erdmännchen. Träume oder Traumata, Märchen oder Mythen scheinen auf. Die Unerklärlichkeit und trotz aller Vertrautheit hermetische, persönlich-allegorische Bildsprache lässt an Neo Rauch oder an Carrolls Affinität zu Gesellschaftsspielen denken.

Grimm spielt mit Überlagerung und Übermalung, negative und positive Formen stehen einander dabei gegenüber, schwarze Ovale wirken wie blinde Flecken, verdunkelte Sonnen, versinnbildlichen im Nebeneinander auf abstrakter Ebene das Gut und Böse, das in den Bildern aber auch in Kinderspielen einander kontrastiert.

Wie eine Konfrontation wirkt auch der Gang durch die Kulturgeschichte, der entlang der Arbeiten möglich ist. Neben den kleinen Jungen der italienischen Hochrenaissance, den noch uninterpretierten Medaillons Hieronymus Boschs, Kafkas und anderer Verwandlungen und Metamorphosen, Kopfbedeckungen der Ägypter, das Rad der Sumerer, finden sich in den ausgestellten Bronzen Anlehnungen an das Universum und insbesondere auch an den Garten der Lüste Boschs. Dessen Schnabeltiere, wilde Wesen und Gericht haltende Vögel hier einmal bizarre plastische Form annehmen.

In einem weiteren Raum wird Brancusis Sockelproblem auf eine stabartige Spitze getrieben, obenauf thronen langgezogene Hasen, Hunde, Menschen, Pflüge wie ironische Anspielungen oder gar Verhöhnungen des mit Nähe und Ferne spielenden Giacomettis.

Abseits dessen funktionieren die Werke auf einer individuell-mythologischen Ebene, es bleibt vielleicht das unangenehme Gefühl, mit verbundenen Augen einer Gruppe von Gleichaltrigen ausgeliefert zu sein oder im Traum von einem hohen Turm zu fallen. Die Arbeiten Grimms sind überaus reichhaltig. Sie generieren sich jedoch nicht im Sinne einer postmodernen Anhäufung, vielmehr sind sie mit einem beinahe freudschen Faden verwoben.

Bis Sonntag, 8. Mai, dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, an den Wochenenden von 11 bis 13 Uhr im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1.

Von Tina Lüers

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