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Fünf Schaffenslinien, fünf Blickwinkel

„Tangenten“ Fünf Schaffenslinien, fünf Blickwinkel

Eine Tangente ist eine Gerade, die eine gegebene Kurve in einem bestimmten Punkt berührt. In diesem Berührungspunkt haben beide geometrischen Elemente die gleiche Richtung. 

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Biographische Kunst: Charlotte Geister zeigt vernarbte Wunden.

Quelle: Heller

Fünf Schaffenslinien, fünf Blickwinkel und fünf Künstlerinnen übertragen diese mathematische Figur – die in einem Moment gleichzeitig Identität und Kontrast zu einer gemeinsamen Verbindung herzustellen vermag – in ein Koordinatensystem der Kunst. Renate Bethmann, Charlotte Geister, Dörthe Gerken, Miriam Hilker und Leena Krüger zeigen derzeit ihre Ausstellung „Tangenten“ im Asklepios Fachklinikum Göttingen.

Die Arbeiten handeln von Erinnerung und Vergessen, von persönlichem Leid, von Menschen und ihren Lebenswegen, vom Überdauern der Zeit und dem Betrachten derselben in einem stillen Moment. Für all dies ist der Durchgangsraum und Flur in der ersten Etage des Fachkrankenhauses für Psychiatrie und Psychotherapie zwar weder ein neutraler, noch ein einfacher Hintergrund, dafür aber ein umso großartigerer, denn in ihm wird nie ein ganzes Leben gelebt, er kann selbst nur Schnittpunkt sein, Station, eine Erinnerung, ein Fragment unter vielen. Ein Abschnitt auf einer Strecke zwischen Geburt und Tod.

Linienkonstellationen

Gerken zeigt unter anderem Linienkonstellationen in denen sich Abstraktion und Figürlichkeit mischen. Als Tuschezeichnungen erscheinen Zusammenschauen von Perspektiven auf kleinem Format. Zwischenmenschlicher Kontakt reduziert auf ein Minimum sich kreuzender Umrisse, die schwebende Flächen eingrenzen. Die Vorlagen für die Arbeiten sind mithilfe eines Computerprogramms entstanden, das die Linien spiegeln, immer wieder neu komponieren und zufällig übereinander legen kann, was die Anordnung ein wenig technisch wirken lässt.

Krüger hat mit Acryl und Tusche auf Papier dunkle Ahnungen von Flächen entstehen lassen, Farbschichtungen, die sich zu vagen Geisteslandschaften zusammenschließen. Zwischen und unter den schwarz-gräulichen Farbmanifestationen wabern die Erinnerungen, verschmelzen, schieben sich übereinander, ergänzen oder verdecken sich. Die Frage der Verortung zieht den Blick immer tiefer ins Bild hinein und der Betrachter sinkt hinterher, sinkt bis sich die Frage auflöst.

Wie Papier gewordene Jahresringe eines Lebens schichtet Bethmann Fragmente menschlicher Existenz übereinander. In den Mischtechnik-Collagen kleben wie Verschmelzungen von Erinnerung und Form  handgeschriebene Worte, fleckige Abdrücke, alte Fotos von Personen mit dicken Jacken im Schnee, rissiges, vergilbtes und dünnes Papier, und manchmal fehlt etwas, dann ist etwas ausgeschnitten und weg – Umrisse eines aufgelösten Körpers, den man suchen muss. Die Zeit versteckt sich in den Dingen, im Material. Eine sehr haptische Herangehensweise das Leben zu betrachten, als gleite es durch die Finger, die ebenso naheliegend wie faszinierend ist.

Schmerz an der Oberfläche

Deutlicher als in Geisters Werken können Verletzungen sich kaum eröffnen, bringt sie doch den Schmerz an die Oberfläche. Durch das knittrige Papier winden sich rötliche Fäden, wie Wunden vernähen sie die herausgeschnittenen Teile. Und mitten in der  sezierten und vernarbten Biographie eine schemenhafte Figur. Die Komposition federleicht, die tiefen Durchtrennungen im eigenen Bindegewebe sind unmittelbar zu spüren.

Bei Hilker wirkt der Nebel der Erinnerung beinahe plastisch, legt er sich doch in Form von blassen Farbtönen auf die Leinwand und schichtet das Erlebte zu Bergen, lässt es in spiegelnden Seen zusammenfließen oder als verhuschte Linie am Horizont Ferne erahnen. Die filigranen Tuschearbeiten changieren und trügen. Was ein ganzer Blick sein könnte ist vielleicht nur eine erträumte Einheit aus vagen Verortungen, die transparent und zart aufeinander gesunken sind.

Die Ausstellung im Asklepios Fachklinikum, Rosdorfer Weg 70, ist noch bis zum 18. Januar von montags bis freitags zwischen 10 und 17 Uhr und am Wochenende zwischen 10 und 12.30 Uhr zu sehen.

Von Anna Kleimann

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