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Regional Funny van Dannen in der Göttinger Musa
Nachrichten Kultur Regional Funny van Dannen in der Göttinger Musa
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16:30 05.12.2018
Der Liedermacher Funny van Dannen. Quelle: Jaro Suffner
Berlin/Göttingen

Der 60-jährige Wahlberliner Funny van Dannen aus dem nordrhein-westfälischen Tüddern wurde mal als „Bob Dylan fürs neue Jahrtausend“ bezeichnet. Und dass, obwohl der Gesang bei ihm nicht notwendigerweise mit der Melodie harmonieren muss. Auch das aktuelle Album „Alles gut Motherfucker“ deckt wieder ein breites Spektrum ab: von traurigen Dramen und punkigen Politsongs bis hin zu absurden Alltagsgeschichten und Blödeleien. Olaf Neumann hat mit Dannen alias Franz-Josef Hagmanns über Rechtsradikale, Optimismus und seine Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg gesprochen.

Tageblatt: „Alles gut Motherfucker“ ist die Fortsetzung Ihrer 2016 begonnenen Zusammenarbeit mit Sascha Hörold, Frontmann der jungen Berliner Punkband Alex Mofa Gang. Waren Sie früher selbst Punk?

Funny van Dannen: Ich war kein Punk, aber ich bin mit dieser Mentalität groß geworden. In meiner Kunst habe ich oft abgelegten Kram und Müll verwendet. Ich hatte schon immer ein Faible für das Kaputte und Dunkle. Und was die Musik betrifft, mag ich gerne schnelle, kräftige Stücke, auch wenn das nicht immer durchkommt, wenn ich solo spiele. In meinen Sachen ist oft eine Punk-Ästhetik mit drin, ich bediene nicht das romantische Liedermacherklischee. Bei mir ist alles sehr einfach. Den Gitarristen, die ich bewundere, würde ich nie nacheifern.

Tickets und Preise

Funny van Dannen gasteiert während seiner „Alles gut Motherfucker“-Tour auch in Göttingen: am Donnerstag, 13. Dezember, in der Musa, Hagenweg 2b in Göttingen. Beginn ist um 20 Uhr, der Einlass erfolgt eine Stunde zuvor. Tickets gibt es ab 27,50 Euro im Vorverkauf.

Als Jugendlicher sammelten Sie erste musikalische Erfahrungen mit Liedern zur Gitarre im südlimburgischen Dialekt und als Heino-Parodist zum Karneval. Was faszinierte Sie an ihm?

Mit 12 oder 13 hatte ich lange blonde Haare und machte eine Heino-Parodie beim Kinderkarneval, um meinem Onkel und meiner Tante einen Gefallen zu tun. Meine Idee war es sicher nicht. Ich musste den Auftritt mit dem Dorfküster üben. Die Mutter meines besten Freundes meinte nach der Sitzung: „Dass der Vater singen kann, wusste ich, aber ich wusste nicht, dass auch der Junge so eine tolle Stimme hat!“ Dabei war es nur Playback! Ältere Leute kannten das damals noch nicht.

Auf dem Album fragen Sie sich, wie wir dem Wahnsinn unserer Zeit begegnen sollen. Haben Sie darauf eine befriedigende Antwort gefunden?

Ich versuche, mich vom Wahnsinn zu distanzieren und nicht alle Moden mitzumachen. Im Fernsehen läuft ständig Mord und Totschlag. Man kann sich dem Wahnsinn entziehen, indem man z.B. nicht jeden Tag einen Krimi guckt. Ich finde es auch befremdlich, wie viele Leute an der Bushaltestelle vor unserem Haus stehen und auf einen kleinen Bildschirm gucken. Es ist besser für die Nerven, sich da manchmal auszuklinken. Man würde auch verrückt werden, wenn man ständig den Nachrichten nachlaufen würde. Die ganzen Geschichten über Trump und Kim Jong Un sind in Wahrheit nur ein Humbug, der betrieben wird, um die wirklichen Schweinereien zu verdecken: Über die Finanzgeschäfte und Rüstungsdeals, die da im Schatten abgewickelt werden, wird leider nicht diskutiert.

Die AfD hetzt gegen Flüchtlinge und nutzt vermeintlich harmlose Verbotsforderungen, um gegen Minderheiten wie Juden und Homosexuelle zu sticheln. Warum gehen Menschen überall Hetzern und Populisten so leicht auf den Leim?

In der Gesellschaft ist ein großes Frustpotenzial vorhanden. Man sollte den Leuten mal ganz klar sagen, dass sie in einem der reichsten Länder der Erde leben. Selbst diejenigen, die in unserer Gesellschaft nicht die große Karriere machen, müssen hier nicht hungern. Man hat ein Dach über dem Kopf und ist sozial relativ gut abgesichert. Es ist skandalös, dass Leute in unserem Land solche Gedanken entwickeln und auf Ausländern rumhacken, denen es wirklich nicht gut geht. Diese Mentalität gibt es aber nicht nur bei rechten Jugendlichen, sie ist auch bei Migrantenkindern verbreitet. Anstatt die Möglichkeiten zu sehen, die man hier hat, sieht man nur die negativen Aspekte. Und begründet damit seine Gewaltbereitschaft. Das ist absurd.

Das Lied „Jemand blutet“ dreht sich um gewaltbereite Rechtsradikale. Schon mal versucht, mit Nazis zu reden?

Nein, das sehe ich überhaupt nicht ein. Deren Standpunkte sind indiskutabel. Ich fand das immer schon verkehrt. In den 90ern hieß das „akzeptierende Sozialarbeit“. Man fing an, diese Standpunkte irgendwie zu akzeptieren, um mit rechtsradikalen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, anstatt von vornherein klare Kante zu zeigen. Ich finde, da gibt es nicht zu diskutieren, schon gar nicht in unserem Land. Da muss die Polizei ran, da helfen auch keine Dichter und Denker. Wer sollte uns denn zuhören? Rechtsradikale sind nicht durch Argumente zu erreichen, weil es auch keine Argumente gewesen sind, die diese Leute dahin gebracht haben. Da spielen seelische Strukturen und Erziehung eine Rolle. Die Einstellung, man habe das Recht, menschenverachtende Meinungen kund zu tun, weil es einem im Leben schlecht geht, ist inakzeptabel.

Kann man mit einen Song wie „Jemand blutet“ etwas erreichen?

Irgendetwas erreicht man immer. Ob es was bringt, weiß ich nicht. Ich kann immer nur auf einzelne Menschen abzielen und hoffen, dass es der eine oder andere hört und sich vielleicht mal einen Gedanken macht. Dieses ganze Identitätsgequatsche wird als Vorwand fürs Unwohlsein genommen, das ist mir zu pauschal. Muss ich mich als Deutscher schlecht fühlen, wenn da Flüchtlinge ins Land kommen? Als würde das meine Identität infrage stellen. So ein Blödsinn!

Ist der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen?

Teilweise. (lacht) Manchmal ist er vernünftig, ja. Aber ich finde es zum Beispiel überheblich, wenn der Mensch sich über Tiere stellt. Lächerlich, wie Menschen Tiere Intelligenz attestieren. Tiere haben ihre eigene Intelligenz, aber wir Menschen mit unserer Intelligenz massakrieren uns gegenseitig, während die Tiere im Gleichgewicht mit der Natur leben. Sie haben für mich eine viel größere Intelligenz als der Mensch.

Wie erhalten Sie sich Ihren Optimismus in einer Zeit voller unerfreulicher Ereignisse?

Man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen, dass es in keiner Zeit besser war als heute. Wären meine vier Jungs vor 80 Jahren groß geworden, hätte ich sie vielleicht alle schon im Krieg verloren. Jetzt aber sind sie groß und haben ein gutes Leben. Die Voraussetzungen, etwas aus seinem Leben zu machen, waren in Mitteleuropa noch nie so gut wie heute. Aber es wird unverschämt viel gejammert und geklagt. Optimismus ist auf jeden Fall angebracht, aber vielleicht nicht bei allen Gefahren. Die Finanzmärkte zum Beispiel stehen auf dünnem Eis. Im Moment scheint alles ruhig zu sein, aber das täuscht. Kleinste Unregelmäßigkeiten können riesige Auswirkungen haben. In Sicherheit wiegen darf man sich nicht, aber ich finde, einen Grundoptimismus sollte man sich schon erhalten.

In „Die Unterhaltung“ geht es um ein fiktives Gespräch zwischen Gott und einem Engel. Sind Sie religiös erzogen worden?

Ich bin auf dem Dorf groß geworden, Katholizismus pur. Aber meine Eltern waren keine religiösen Hardliner. Meine Mutter ist eher aus Geselligkeit in die Kirche gegangen, und mein Vater stand dem ganzen Kirchenzauber sehr skeptisch gegenüber. Ich war zwar Messdiener, bin aber mit Anfang 20 aus der Kirche ausgetreten. Natürlich bin ich mit den biblischen Geschichten groß geworden und trage sie noch immer in mir. Unsere Vorstellung von Gott finde ich interessant. Wenn man humoristisch arbeitet, ist sie ein dankbares Objekt.

Auf dem Album fragen Sie sich, wie es kommt, dass ein großer Teil der Menschheit nicht spürt, dass Religion antiquiert ist. Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Eine große Sehnsucht des Menschen ist, sich aufgehoben zu fühlen, so dass man die existenzielle Verlorenheit nicht spürt. Die Gemeinschaft im Glauben zählt vielleicht mehr als der vernünftige Gedanke, dass es im Grunde nicht stimmen kann, was die Religionsbücher erzählen.

Gibt es auch etwas an der Kirche, das nicht antiquiert ist?

Das Allumfassenden des Katholizismus ist grundsätzlich ein guter Gedanke. Er begreift die Menschheit als Ganzes. Wir leben ja alle zusammen auf einem Planeten irgendwo im Universum, und aus diesem Gefühl heraus haben wir Solidarität mit anderen Menschen entwickelt. Ich verdamme die Religionen nicht grundsätzlich, aber sie entwickeln sich immer ungut.

Wer oder was gibt Ihnen ein Gefühl des Aufgehobenseins?

Die Menschen, meine nächsten Verwandten, Freunde, Leute, die ähnlich denken wie ich. Ich begreife mich als winziger Teil eines Ganzen und glaube an die natürlichen Abläufe. Deswegen habe ich auch keine Angst davor, dass nach dem Tod alles vorbei ist. Das ist in der Natur so. Die Blumen und die Tiere sterben ja auch und dann sind sie eben weg. Wir existieren nur eine gewisse Zeit lang, wie das in dem Lied „Die Unterhaltung“ auch vorkommt. Und dann rücken andere Menschen nach, die genauso gut sind wie wir. Ich habe keinen Ewigkeitsanspruch. Es ist schon ein großartiges Geschenk, dass man überhaupt geboren wird. Warum darüber hinaus immer noch mehr wollen?

Ein Künstler lebt nach seinem irdischen Tod weiter in seinen Werken. Liegt darin etwas Tröstliches?

Wenn ich mal tot bin, spielt das für mich keine Rolle mehr. Ich habe lieber etwas von meiner Kunst, solange ich lebe. Ich bringe einfach die pure Lebenskraft, die ich heute habe, zum Ausdruck. Und was darüber hinaus passiert, kann ich sowieso nicht beeinflussen.

Was ist von den Träumen und Idealen Ihrer Generation geblieben?

Grundsätzlich ist meine Menschenfreundlichkeit geblieben. Die ganzen Illusionen, die ich hatte, sind natürlich zerschellt. Aber das hatte auch mit der Jugend und der fehlenden Lebenserfahrung zu tun. Ansonsten ist die Hoffnung geblieben auf eine positive gesellschaftliche Entwicklung bei allen Rückschlägen und allem, was in die falsche Richtung geht. Ich habe noch immer den Willen, dazu beizutragen, dass es in der Gesellschaft weniger Elend und mehr soziale Gerechtigkeit gibt.

Wie könnte man den Kapitalismus reformieren oder gar ein System entwickeln, das ihm überlegen ist?

Ich glaube, wenn man da etwas verändern wollte, müsste man von der Basis her kommen und Einheiten aufbauen, die den Kapitalismus so für sich nutzen, dass er nicht zerstörerisch wirkt. Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn das Große und Ganze umgeschmissen werden würde, aber die Menschen durchschauen viele Zusammenhänge nicht. Man sieht es am Beispiel Trump. Sie machen den Bock zum Gärtner.

Wie kommen Sie mit der Musikbranche klar, die als Haifischbecken bezeichnet wird?

Für mich ist es eine ungünstige Zeit, weil durch das Internet die CD-Einkünfte kolossal weggebrochen sind. CDs sind heutzutage nur noch ein Promo-Werkzeug für eine Tour. Deshalb ist nicht mehr so viel Geld für eine Plattenproduktion vorhanden. Andererseits haben sich auch die Produktionsbedingungen sehr verändert. Wenn ich mit Sascha Hörold arbeite, bauen wir in meinem Atelier einen Laptop und ein Mikrofon auf. Und ab geht die Post. Aber es ist schon eine Ungerechtigkeit, dass ein Songschreiber für 40 000 Klicks nur 100 Euro bekommt.

Würden Sie gerne noch einmal mit Udo Lindenberg arbeiten?

Zu Udo habe ich keinen Kontakt mehr, aber zu den Toten Hosen. Vielleicht geht da ja noch mal was. Das sind Sachen, die nicht kalkulierbar sind.

Wie verlief Ihre Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg?

Wir haben uns ein paarmal in Hamburg und in Berlin getroffen in der Zeit, als er von mir „Nana M.“ und „Gutes tun“ gecovert hat. Ich weiß noch, wie ich über die zugefrorene Alster zu ihm ins Atlantic Hotel gelaufen bin. Und dann saß er da am Swimmingpool und sah genauso aus, wie man sich Udo Lindenberg vorstellt. Seine Freundin war im Wasser und der Zwerg war auch dabei. Nachher hat er mir noch seine neuesten Songs vorgespielt, und wir sind in seinem schwarzen Porsche durch Hamburg gefahren.

Und welches Auto fahren Sie?

Im Moment gar keins. Wir hatten so ein Familienauto, das ich auch für meine Ausstellungstransporte nutzen konnte. Aber den Wagen habe ich vor drei Jahren meinem Ältesten überlassen, als er Vater wurde. In Berlin braucht man eigentlich kein Auto.

Von Olaf Neumann

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