Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
Ganz viel Menschsein auf der Bühne

„Mein junges idiotisches Herz“ Ganz viel Menschsein auf der Bühne

Eigentlich will sie nicht mehr. Aber wenn schon sterben, dann im ganz großen Stil. Karin Schlüter (melodramatisch: Kerstin Börst) hat sich in ein rasant-rotes Abendkleid geworfen und ihr Gesicht mit viel Schminke verziert.

Voriger Artikel
Zauberhafte kanadische Botschafterin
Nächster Artikel
Lyrik mit „Wortart“

Auf der Suche nach Großem: Karin Schlüter (Kerstin Börst) und Hans Werner Sandmann (Christian Feuerhake).

Quelle: Opitz

Um Punkt drei Uhr soll das große Finale stattfinden, wenn der attraktive Fruchtsaftlieferant mit seinen Säften bei ihr vorbeikommt – welch Metaphorik. Er soll der Letzte sein, der sie sieht, als schöne Leiche. Wären da nicht die lästigen Nachbarn und der herzkranke Postbote (herausragend: Christopher Seltmann), die ihr Vorhaben empfindlich stören. Alle Figuren in „Mein junges idiotisches Herz“ von Erfolgsautorin Anja Hilling sind auf der Suche nach etwas Großem in ihrem so tristen Dasein. Premiere war am Mittwochabend im studentischen Theater im OP in Göttingen.

Alle suchen nach dem großen Tod, den großen romantischen Momenten oder der großen Stille. „Stille, in der in der Ferne ein Gulasch blubbert“: So beschreibt es die nach einer Vergewaltigung traumatisierte Paula (anrührend: Birthe Schulz-Kullig). Begleitet von Doris Days schmalzigem „My young and foolish heart“ erleben die Zuschauer den Verlauf eines Tages in einem Mietshaus, an dem schließlich tatsächlich jemand zu Tode kommt.

Tragikomische Figuren

Eigentlich ist hier jeder allein mit seinem Leben und seinem Monolog in den eigenen vier Wänden, aber in der Inszenierung von Klaus-Peter Jordan sind die Nachbarn hinter einer durchsichtigen Plane immer präsent und nach und nach liefert jeder der sechs Darsteller seine Perspektive der Geschehnisse nach.

Die Figuren sind größtenteils tragikomisch angelegt, und die Akteure erzählen sich mehr, als dass sie spielen. Auch kommentieren sie das eigene Verhalten gern selbstironisch und zeigen so eine große Distanz zu sich selbst. So beobachtet Karin Schlüter detailliert ihre Hand, die sich wie ein Fremdkörper tätschelnd zur Tröstung auf den Kopf von Nachbar Hans-Werner Sandmann (überzeugend: Christian Feuerhake) legt – eine eindrückliche Szene und „ganz fies symbolisch“, sagt Schlüter

Jordan gelingt es in seiner Inszenierung, durch die sich auf mehreren Ebenen das Motiv Wüste zieht, die Spannungsfelder zwischen Isolation und dem sprichwörtlichen Durst nach Nähe, der Bedeutung für andere und der Hoffnung auf Liebe spürbar zu machen. Maßgeblich trägt dazu ein Ensemble bei, das die lauten wie die leisen – vor allem aber die Zwischentöne – beherrscht. Da wird ganz viel inneres Erleben und Menschsein auf die Bühne und – nicht zuletzt durch die räumliche Nähe – in den Zuschauerraum gebracht. Ein großer Text und eine gelungene Inszenierung.

Weitere Vorstellungen: am heutigen Freitag sowie am 6., 9., 10., 12., 13., 16., 18. und 20. Oktober um 20.15 Uhr im Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3 in Göttingen. Kartentelefon: 05 51 / 39 70 77.

Von Marie Varela

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag