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Regional „Gelbe Wüste, Rosa Raum“ im Theater im OP in Göttingen
Nachrichten Kultur Regional „Gelbe Wüste, Rosa Raum“ im Theater im OP in Göttingen
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10:46 27.05.2018
„Gelbe Wüste / Rosa Raum“ von Amanda Lasker-Berlin hat Premiere im Theater im OP. Es spielen Fabio Rocchio, Phil Schlöter, Clemens Ibrom (vorn), Jana Johe, Erhard Kühnle, Maarit Noren Kumpf, Pelin Özsu, Jenaba Samura, Lina Johanna Meiners, Franziska Karger, Judith Eisenbacher, Charlotte Alsmeier, Anna Röttger, Lina Johanne Meiners, Sarah Elisabeth Riemann, Renate Oblicci, Anne Paschke, Jana Johe, Aaron Fließ und Christopher Seltmann (hinten). Quelle: Dirk Opitz
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Göttingen

Das Siegerstück des siebten ThOP-Nachwuchsdramatiker-Wettbewerbs 2017 hat am Sonnabend Premiere und Uraufführung gefeiert. Barbara Korte inszenierte „Gelbe Wüste, Rosa Raum“ von Autorin Amanda Lasker-Berlin, das unter dem Oberthema „Grenzen-Grenzgänger-Grenzüberschreitungen“ entstand.

Rosa und gelbe Quader unterschiedlicher Größe grenzen die Bühne ein. Hier und da blitzen weiße Bettgestelle, ein Schrank oder mehrere Stühle durch den rosa-gelben Schimmer. In der Mitte steht ein mit Camouflage-Stoff behangener Kasten, davor zwei Stühle. Perfekt angepasst liegt Nilih (Clemens Ibrom) in Militärhosen zusammengerollt auf dem Kasten. Sein Kopf schmiegt sich an das Bein einer in weiß-gekleideten Frau: „Und wenn wir hier nichts schaffen? Es ist immer noch alles gelb.“ Mit einem beruhigenden „Mach einfach die Augen zu“, entfernt sich die Frau summend. Das Summen wird lauter, mehr Gestalten in Weiß bilden einen Kreis um den träumenden Nilih.

Zusammen mit seinem Vater (Fabio Rocchio) und seinem Bruder Anak (Phil Schlöter) fährt Nihil, meist auf der Ladefläche eines Pick-Ups, durch das Kriegsgebiet, in dem sein Vater vor 30 Jahren stationiert war. Um Terroristen zu jagen, machen sie als selbsternannte „Freie Miliz für den Frieden“ Urlaub in der gelben Wüste. Wo diese liegt, wird nicht genannt, auch nicht aus welchem Land die drei Männer angereist sind. Aussagen wie „Mama wollte auch immer Richtung Osten beten“ und „Der ist doch bestimmt kein Schweinefleisch“ lassen ein arabisches Land als Spielort vermuten.

Terrorist im Flamingo-Hemd

Terroristen finden sie keine. Stattdessen nehmen sie den „Wüstenvogel“ Khashaja (Jella Böhm) als Geisel. An ein grünes Seil gefesselt leistet der angebliche Terrorist im Flamingo-Hemd und Turnschuhen fortan den beiden Brüdern auf der Ladefläche Gesellschaft. Als Essen, Munition und klarer Verstand knapp werden, eskaliert die Situation. Was als Schein-Krieg gegen Terroristen angefangen hat, endet in einer Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal: Die Mutter, angeblich von Terroristen ermordet, stammte aus dem ehemaligen Kriegsgebiet und wurde vom Vater entführt. Seit jeher prägten Gewalt, Überwachung und Abschottung den Familienalltag. Vor den Augen ihrer Kinder löste sie sich langsam im „Raum mit den rosa Wänden und weißen Möbeln“ auf, bis schließlich der Vater ihr auch noch den letzten Atemzug nahm.

Immer mehr Bruchstücke über die tragische Lebensgeschichte erfährt der Zuschauer durch die in Weiß gekleideten Gestalten, die eine Art gedankliche Parallelwelt bilden. Mal flüstern, mal schreiend beenden sie Gedankengänge, mahnen an und erschaffen eine andere Wahrheit.

Abbild einer Familientragödie

Das Stück zeigt das bedrückende Schauspiel einer Familientragödie: Nihil der von morgens bis abends bis zum Burn-Out nur in seiner Kanzlei arbeitet, um seinem Bruder nicht begegnen zu müssen. Anak der vor lauter Angst vor Terroranschlägen das Haus nicht verlässt und der Vater, der seine traumatischen Erlebnisse im Krieg nie verarbeitet hat. Zuflucht suchen sie im Tod: „Die Toten kennen kein Terror.“ Viel zu spät, erst nach dem Tod seines Bruders, reflektiert Anak die Taten des Vaters und die Tatenlosigkeit der Brüder.

Mit vollem Körpereinsatz lassen die Spielenden mit fixierenden Blicken, panischem Rumgeballere und Handgreiflichkeiten die Zuschauer in eine aufwühlende Welt eintauchen, der man nicht so schnell entrinnen kann. Die sich immer steigernde Verzweiflung klebt fast greifbar an den bunten Quadern. Anschaulich zeigen sowohl die Inszenierung, wie auch das Stück, dass Krieg nicht mit der weißen Fahne endet. Sondern erst dann, „wenn sich kein Sandkorn mehr erinnert“.

Der Wettbewerb

Der Wettbewerb wird alle zwei Jahre ausgeschrieben und von den Mitarbeitern des ThOPs organisiert. Die fünfköpfige Jury habe sich laut Jury-Mitglied Fabian Joel Walter, Lektor beim Karl Mahnke Verlag in Verden, aufgrund der emotionalen Ebenen und der vielschichtigen Figuren für das Stück entschieden: „Es zeigt, dass Gut und Böse gar nicht existieren.“

Weitere Vorstellungen

Weitere Vorstellungen im Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3, sind am 30. Mai sowie am 1., 2., 4., 6., 8. und 9. Juni, und beginnen jeweils um 20.15 Uhr. Karten gibt es ab sechs Euro, und sind montags bis freitags im Foyer der Zentralmensa der Universität, Platz der Göttinger Sieben, zwischen 12 und 14 Uhr oder an der Abendkasse erhältlich. Für Studierende mit Kulturticket ist der Eintritt für alle weiteren Aufführungen kostenfrei.

Von Madita Eggers

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