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Gernot Grünewald inszeniert Schwabs „Die Präsidentinnen“

Premiere Gernot Grünewald inszeniert Schwabs „Die Präsidentinnen“

Drei türgroße Rahmen, bespannt mit Folie, stehen auf der Bühne im Jungen Theater (JT) Göttingen, ganz vorne an der Rampe drei Fernseher mit Tischlämpchen darauf. Das Licht im Saal ist noch an, die Zuschauer nehmen ihre Plätze ein. Zwischen den Rahmen hindurch sehen wir schon die drei Schauspielerinnen. Sie plaudern, dehnen sich ein wenig, grüßen Bekannte im Publikum. Der Beginn der Premierenvorstellung des Stücks „Die Präsidentinnen“ des Österreichers Werner Schwab (1958 – 1994) ist erstaunlich privat und untheatralisch.

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Sie küssten, und sie schlugen sich: Grete (Henrike Richters), Erna (Sonja Elena Schroeder) und Mariedl (Anne Düe) (von links).

Quelle: Eulig

Das gehört zum Konzept von Regisseur Gernot Grünewald, der gerade sein Studium an der Theaterakademie Hamburg abgeschlossen hat. Die Schauspielerinnen sollen über den Text, der über die Bildschirme läuft und von ihnen zu Beginn abgelesen wird, erst ihre Figuren finden.

Die Figuren, das sind die Rentnerinnen Erna, Grete und die deutliche jüngere Mariedl. Sie hocken in einem kleinen Zimmer und schwelgen in Erinnerungen. Langsam wird deutlich, dass sie alle an einen Abend denken, jenen Abend auf dem Volksfest, an dem ihr Leben eine Wendung hätte nehmen können. Damals, als der Musiker um die Gunst von Grete buhlte und Erna und der fromme Wottila sich näher kamen. Auch das Mariedl hatte da seine große Stunde. Es langte mit dem bloßen Arm bis hoch zu den Achselhaaren rein in die Kloschüsseln, um unter dem Beifall der johlenden Umstehenden die Verstopfungen zu beseitigen. Doch dann kamen die Schläger.

1990 wurde „Die Präsidentinnen“ im Künstlerhaus Wien uraufgeführt. Der gelernte Bildhauer Schwab war schon früh angetreten, gegen literarische Drechselsätze anzuschreiben. Die von Fäkalausdrücken und anderen Deftigkeiten durchsetzte Sprache seiner prallen Figuren spaltet mit schöner Regelmäßigkeit das Theaterpublikum in Schwabianer und jene, die sich angewidert abwenden. Regisseur Grünwald zählt zu den Fans, denn er lässt seine Schauspielerinnen all das ungeschönt sagen und zeigen, was schaudern macht. Drastisches schwabsches Volkstheater eben.

Vielleicht war es auch der krachende Text, der ihn dazu gebracht hat, über die Wechselwirkung des vorgegebenen Wortes und der handelnden Personen auf der Bühne theatralisch nachzusinnen. So privat der Abend startet, so zielsicher und unaufhaltsam schlüpfen die Schauspielerinnen in ihre Rollen, sie finden sie über den Text. Und es macht diesmal richtig viel Spaß, ihnen dabei zuzuschauen.

Es ist nach „Antigone“ und „Mutter Afrika“ Grünewalds dritte Regiearbeit am JT und schon in der Vergangenheit hat er seine Fähigkeit gezeigt, sein Bühnenpersonal zu darstellerischen Höchstleistungen zu bringen. Das ist auch diesmal wieder gelungen. Anne Düe als Mariedl, Henrike Richters als Grete und die nach der Geburt ihres Kindes deutlich erwachsener spielende Sonja Elena Schroe­der agieren mitreißend. Sie schlampen, sind voller Liebe und Dumpfheit, prügeln und versöhnen sich. Sie sind derb und prall und großartig. Grünewald und den Schauspielerinnen ist ein denkwürdiger, dichter und berührender Abend gelungen, perfekt für Freunde des Regietheaters weniger geeignet für all jene, die das klassische Theater bevorzugen.

Weitere Vorstellungen: 15. und 24. März, am 8. und 21. April um 20 Uhr sowie am 10. April um 19 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.

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