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Geschäfte mit dem Teufel bringen kein Glück

Göttinger Tanzkulturwoche Geschäfte mit dem Teufel bringen kein Glück

Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ ist ein besonderes Musiktheaterstück. Entstanden 1918, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, ist es ein Gegenentwurf zum bürgerlichen Prunk, der sich in der spätromantischen Oper ausgetobt hatte: ein kurzes, dramaturgisch straffes Stück für zwei Sprecher, zwei Tänzer und sieben Instrumentalisten, „gelesen, gespielt, getanzt“, wie es im originalen Untertitel knapp heißt.

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Diabolische Kraft: Ulrike Grell als Teufel.

Quelle: Schäfer

In einer instrumental noch stärker reduzierten Fassung wurde dieses märchenhafte, zugleich ausgesprochen moderne Werk zu einem Glanzpunkt der dritten Göttinger Tanzkulturwoche in der Alten Fechthalle. Das Konzept: Professionelle Musiker treffen auf eine professionelle Tänzerin, die dieses Werk für ein Ensemble der Ballettschule „Art la Danse“ choreographiert.
Diese Kombination erwies sich als besonders reizvoll. Den musikalischen Hintergrund liefern zwei Melodieinstrumente, Klarinette (virtuos: Toni Säckl) und Violine (mit rhythmischem Biss und perfekter Widerborstigkeit: Henning Vater). Was Strawinsky sonst dem Kontrabass, dem Fagott, dem Cornet à piston und der Posaune zuteilt, wird großenteils vom Klavier (souverän auch in den verrücktesten Akzentwechseln: Hans Küntzel) übernommen. Besonders farbige Akzente setzt das Schlagzeug (Handwerker im allerbesten Sinne: Johannes Karl).

Zeitlos gegenwärtig

Als Sprecher sorgt Meinolf Steiner für stellenweise atemlose Spannung, verlebendigt die Dialoge zwischen Teufel und Soldat mit klar abgegrenzten Stimmfarben. Nirgends ist bei ihm ein „Es war einmal“-Märchenton zu hören: Seine Interpretation bringt die zeitlose Gegenwärtigkeit des Textes von Charles Ferdinand Ramuz klar zur Geltung.

Ulrike Grell, als rot markierter Teufel im Ensemble mittanzend, erzählt nur zum Teil die Geschichte mit Mitteln der Körpersprache nach. Sie setzt auch einfach die Musik in Bewegung um, baut damit ebenfalls viel Spannung auf, stellt Menschen zueinander in Beziehung, die sie wieder löst und in anderen Paarungen zusammenführt. Das stellen die Ballettschülerinnen mit erstaunlicher Körperbeherrschung dar – mit viel Kraft, die aber nirgends angestrengt wirkt. Einige von ihnen können bereits bemerkenswerte Sprünge zeigen, deren Leichtigkeit die technischen Schwierigkeiten der Ausführung vergessen lässt.

Charme des Fachwerkbaus

Fasziniert verfolgen die Zuschauer in der voll besetzten Alten Fechthalle (auch wenn sie in den hinteren Reihen nicht so viel sehen können) diese engagierte, dramaturgisch fein konzipierte Aufführung. Eröffnet hatte sie Klarinettist Toni Säckl mit drei hochvirtuosen Solostücken von Strawinsky. Viele Gäste haben heute zum ersten Mal die Fechthalle besucht und den Charme dieses Fachwerkbaus erlebt.

Das Angebot dieser Tanzkulturwoche ist vielfältig: Vorausgegangen waren unter anderem ein Mendelssohn-Konzert mit dem Abegg-Trio und ein atmosphärisch dichter literarisch-musikalischer Abend mit dem Rezitator Christian Römer und dem Pianisten Alexander Tietz. Ballett zu Bachscher Musik und ein tanzendes Klavier werden noch folgen. Das macht Freude.

Von Michael Schäfer

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