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Regional Geschichten über skrupellose Frauenverführerinnen
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00:26 17.03.2018
(v.i.) Angela Steidele, Marie Schmidt, Patricia Hempel Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Wenn Frauen begehren, können sie so skrupellos zu Werke gehen wie ein lüsterner Hollywood-Produzent. Da waren sich die Schriftstellerinnen in der Diskussion mit Zeit-Redakteurin Marie Schmidt einer Meinung. So betrachtet, erklärte Hempel, verstehe sie die #MeToo-Debatte mehr als Kritik an Machtmissbrauch als an übergriffigen Männern.

Debütroman „Metrofolklore“

Die Berliner Autorin Hempel, die zunächst Archäologie, dann in Hildesheim Schreiben studiert hat, beschreibt in ihrem Debütroman „Metrofolklore“ eine ebenso zynische und herablassende, wie gehemmte und unsichere Studentin. Die Mittzwanzigerin versucht in dieser Pop-Roman-Satire eine heterosexuelle Kommilitonin herum zu bekommen, indem sie deren beste Freundin verführt. Von ihrer eigenen festen Partnerin, die mit Anfang Dreißig ein Kind will, ist die Archäologiestudentin genervt. Sie hält sie mit endlosen Gesprächen über die Spermabeschaffung hin. Ihr sarkastischer Vorschlag: Sie sollten sich mit einer Flasche Prosecco an der Babyklappe die Zeit vertreiben, bis sie mit einer unglücklichen Mutter handelseinig würden.

Anne Listers erotische Biografie

Während sich Hempels Romanheldin am Ende in Tagträumen verliert, nimmt sich die Hauptfigur in Steideles Biografie, was sie begehrt. Anne Lister (1791-1840) sei eine englische Landadlige gewesen, die Dutzende Frauen verführt habe, berichtete die Literaturwissenschaftlerin. Lister habe darüber in ihren Tagebüchern derart offen und detailreich berichtet, dass es ihr noch 200 Jahre später die Schamesröte ins Gesicht treibe, bekannte die Kölnerin. Lister sei die Brisanz ihrer Aufzeichnungen bewusst gewesen. Deshalb habe sie diesen Teil ihres vier Millionen Worte umfassenden Werkes, ein Siebtel, in einer selbst entwickelten Geheimschrift verfasst.

Geschützt durch den Status einer Adligen

Lister habe als Schülerin ihre Liebe zu Frauen entdeckt, führte Steidele aus. Weibliche Homosexualität sei in England nicht verboten gewesen, hätte damals aber auch nicht offen gelebt werden können. Lister habe sich, geschützt durch ihren Status als Adlige, über diese Konventionen „frech“ hinweggesetzt. Immer schwarz wie ein reitender Gentleman gekleidet sei sie eine auffällige, die Zeitgenossen irritierende Erscheinung gewesen. Kalt kalkulierend sei sie feste Partnerschaften mit vermögenden Frauen eingegangen, um sich finanziell abzusichern.

Zahllose Affären

Gleichzeitig, so die Literaturwissenschaftlerin, habe Lister zahllose Affären gehabt. Ihrem Tagebuch habe die charmante, immer im Mittelpunkt stehende Frau anvertraut, wie sie dabei vorgegangen sei. Eifersüchtig habe sie andererseits von ihren Partnerinnen Treue eingefordert. „Viel Zeit hat sie damit verbracht, ihr Leben zu dokumentieren“, sagte Steidele. Von keinem anderen Engländer seien derart umfangreiche Aufzeichnungen bekannt. Die Bände hätten die Jahrhunderte im Giftschrank des Stadtarchivs von Halifax überdauert. Nur wenige hätten Zugang gehabt.

Kaum erschlossene Tagebücher

Die Tagebücher seien schwer zu lesen, da sie Informationen ohne roten Faden aneinander reihten, führte Steidele aus. Noch sei das bisher nur in Auszügen veröffentlichte Werk nicht komplett erfasst und verschlagwortet. Sie habe sich bei ihrem Buch „Anne Lister – Eine erotische Biografie“ auf die bereits veröffentlichten Teile sowie auf Briefe gestützt.

Von Michael Caspar

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