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Regional Geschlagen, eingesperrt und tyrannisiert
Nachrichten Kultur Regional Geschlagen, eingesperrt und tyrannisiert
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19:10 13.02.2012
Endlich fühlt der Körper etwas: Emma (Marie Thérèse Fontheim) und Christoph (Andreas Daniel Müller). Quelle: Winarsch
Göttingen

Die BWL-Studenten Christoph (Andreas Daniel Müller), Judith (Imme Beccard) und Emma (Marie Thérèse Fontheim) folgen Frankie (Jan Exner), der sich als Geheimagent im Kampf gegen die islamistische Terrorszene ausgibt, bedingungslos. Auch noch, als er sie foltert, finanziell ausbeutet und tyrannisiert. „Die Wahrheit über Frankie“ heißt das Stück nach dem Roman von Tina Uebel, das jetzt im Studio des Deutschen Theaters Göttingen in der Inszenierung von Johannes Nehlsen und Christopher Weiß uraufgeführt worden ist.

Diesen Frankie gab es wirklich. Uebels Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Robert Hendy-Freegard wurde im Jahr 2002 in London festgenommen, nachdem er mindestens acht junge Menschen in seine Gewalt gebracht hatte. Alle waren ihm freiwillig gefolgt. Wie schafft es einer, Menschen hörig zu machen, und könnte mir das auch passieren? Das sind die zentralen Fragen der Inszenierung des Jungen Schauspiels. Die Studenten lassen sich schlagen, am Schlaf hindern, einsperren, und sie hungern. Doch das alles hat für sie einen Effekt  wie vielleicht Extremsport – raus aus der Mittelmäßigkeit, endlich fühlt der Körper etwas.

Die drei Studenten befinden sich in einer Verhörsituation. Sie erzählen dem Publikum, wie es dazu kommen konnte, sich einem Menschen bedingungslos auszuliefern. Es gibt zahlreiche Rückblenden, und sie zeigen Fotos von der Zeit mit Frankie. Die Fotos sind im Programmheft abgedruckt, das jeder Besucher auf seinem Platz findet. Das holt die Zuschauer mitten hinein ins Geschehen – eine schöne Idee.

Was  Christoph, Judith und Emma gelingt, bleibt Frankie allerdings verwehrt. Es erschließt sich nicht, warum die drei gerade ihm verfallen sind. Er bleibt sehr zurückhaltend und fast konturlos. Ganz anders Imme Beccard, Marie Thérèse Fontheim und besonders Andreas Daniel Müller.

Sie spielen in der zweiten Hälfte des Stücks mit dem Rücken zur Wand, die sie ganz dicht an den Zuschauerreihen errichtet haben, und liefern sich einen ganz eigenen perfiden Psychoterror im Buhlen um Frankies Gunst. Die Inszenierung konzentriert sich ganz auf diese drei Charaktere. Bis auf riesige Quader und die grellen Verhörscheinwerfer gibt es kaum Requisiten. Eine besondere Atmosphäre schafft Exners Gitarrenmusik, die er für das Stück geschrieben hat und auch selbst spielt.

Tina Uebel hat sich die Uraufführung im Studio angeschaut. Sie hat sich überraschen lassen. Wollte im Vorfeld nichts über die Bearbeitung erfahren oder bei den Proben dabei sein. „Es hat Spaß gemacht, zu sehen, dass Leute meine Ideen aufnehmen“, sagt die 42-Jährige nach der Vorstellung.

Bisher ist „Die Wahrheit über Frankie“ Uebels erstes Buch, das auf die Bühne gebracht worden ist. Bereits beim Schreiben habe sie gedacht, dass sich die Geschichte dafür eigne. „Wenn ein Text von mir theatermäßig ist, dann Frankie“, sagt die Schriftstellerin. Besonders die Rolle der Emma habe sie bei der Niederschrift „laut performed“. „Ich finde es toll, wenn ein Buch ein Eigenleben führt.“

Wieder im Deutschen Theater am 17. und 22. Februar und am 2., 9. und 15 März. Kartentelefon 05 51 / 49 69 11.

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