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Gewetzte Metallzähnchen

Lyrische Lesung mit Spieluhrkonzert Gewetzte Metallzähnchen

Die Lyrikerin Nora Gomringer kennt Europas einzigen Spieluhrkomponisten Franz Tröger aus Bamberg. Dort hat ihre Zusammenarbeit begonnen und wird seitdem in gemeinsamen Auftritten vorgeführt. Jetzt haben die Tonkünstler ihre perfekt aufeinander abgestimmten Wort- und Klangkompositionen mit ihrer Darbietung „Die Metallzähnchen gewetzt“ in der Roringer St. Martinskirche präsentiert.

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Wie das zusammen geht, Spieluhr und Lesung, das wollen rund 40 Besucher wissen. Gespannt blicken sie auf die Protagonisten, die vor den Bankreihen nebeneinander sitzen. Interessiert wird Trögers Instrument begutachtet. Es sieht nicht aus wie eine Spieluhr, ehe wie ein Vogelhäuschen oder eine Katzenhöhle. Ein schwarzer Kasten mit Loch, angeschlossen an einen Verstärker.

Tröger leitet die heiteren 60 Minuten mit einem Stück aus seiner Werksammlung „99 kleine Zugaben für alle Gelegenheiten“ ein. Der Komponist dreht an der Kurbel, federnde metallene Klänge erfüllen den ausgezeichnet geeigneten Resonanzraum. Dann ist Gomringer an der Reihe: „Ich werde etwas mit der Sprache machen. Erstaunlich wird das sein. Vielleicht wollen Sie Gott oder ihre Eltern anrufen.“ Dann prasseln Wortkaskaden, laut-leise Säuseleien, Leiereien und herrlich kurzweilige Gesangssprechstücke. Gomringer stürzt von Zeile zu Zeile, von Wort zu Wort.

Die Laut-Akrobatin schlüpft in Rollen: Sie ist Ochsenfrosch, Medea, X-Man oder die personifizierte „Laangsaamkeeit“. Das Spiel mit der Sprache, es liegt der gebürtigen Neunkirchnerin. Unterbrochen werden ihre Passagen von den Tönen der Metallzähne. Tröger treibt sein Instrument an, spielt „Techno im Rahmen der Spieluhr“, der so seine Härte verliert, die Coverversion einer Berliner Elektro-Pop-Band und bläst Misstöne zu Gomringers „Auschwitz“-Text auf einer Triola. Er betreibt mysteriöse Umbaumaßnahmen am Melodie-Kasten und widmet sich dem mit Utensilien bestückten Tisch, wo er unter anderem mit Schaf-Plastikfiguren die irischen Zeilen „Green and Sheep“ illustriert.

Gomringer entwirft Szenarien. Ein Bauernidyll: Mutter, Vater, Rind. Sie beantwortet die Frage: Was ist modern? „Einen Baum pflanzen, darauf ein Haus bauen, darein ein Kind setzen, das Kind zweisprachig anschreien.“ Sie rezitiert Rühm, Jandl oder ihren Vater, den Germanistik-Professor Eugen Gomringer. Von diesem auch gern bayrische Zoten: „Nim mi. I nim di. Sie nimt mi. Nim ich sie?“.

Von Anna Kleimann

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