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Gleich zu Beginn eine enorme Spannung

Adventsoratorium Gleich zu Beginn eine enorme Spannung

Die Buchstaben eines Worts kann man manchmal auch als Notennamen lesen – etwa den Namen Bach, der die Tonfolge B-A-C-H ergibt. Damit haben sich immer wieder Musiker befasst, Robert Schumann etwa in seinen „Abegg“-Variationen oder Johannes Brahms in seinen Huldigungen an Agathe von Siebold, wenn er das Motiv „A-G-A-H-E“ verwendet. Auch Ingolf Helm, Akademischer Musikdirektor an der Universität Göttingen, hat dieses Verfahren angewendet: in seinem Adventsoratorium „Verheißungen“, das am Freitag unter der Leitung des Komponisten in der Nikolaikirche uraufgeführt wurde.

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Spielen Adventsoratorium unter Leitung von Ingolf Helm: Universitätschor und -orchester.

Quelle: Heller

Die sechs Töne, die aus dem Namen Bagdad entspringen, hat Helm zum Leitmotiv seines Oratoriums gewählt, angeregt durch die Erschütterung, die bei ihm die Bombardierung der irakischen Hauptstadt im Jahr 2003 ausgelöst hat. Um ein Missverständnis auszuräumen: Helm wollte weder ein Werk im Bachschen Stil schreiben, noch hält er sich für einen Musiker im Range des Thomaskantors. Sein Hinweis auf Bach im Vorgespräch zur Uraufführung sollte lediglich die Qualität des (von ihm nicht erfundenen, sondern gefundenen) Motivs aufzeigen.
Und damit hat er vollkommen recht. Wenn gleich zu Beginn des Werks diese sechs Töne fast drohend in den Blechbläsern erschallen, geht von ihnen eine enorme Spannung aus. In den weiteren 20 Sätzen des knapp anderthalbstündigen Werks tauchen diese Töne immer wieder auf – hier thematisch deutlich hervortretend, dort in eher unauffälligen Wendungen.
Dieser Kunstgriff vereinheitlicht die Komposition, schafft eine Fülle von inneren Beziehungen zwischen den Sätzen. Dabei entgeht Helm der Gefahr der Wiederholung beispielsweise durch abwechslungsreiche Instrumentierung, die vom Orchestertutti bis hin zu kammermusikalisch verdünnten Partien reicht. Auch ungewöhnliche Klangfarben wie die der Bassflöte und des Kontrafagotts sind wirkungsvoll eingesetzt.
Helms musikalisch Sprache verrät den Bezug zu einem Grundton, ist also keineswegs atonal. Ausdrucksstarke dissonante Wendungen – die immer wieder einen Textbezug besitzen – verleihen ihr einen herben Reiz. Einzig das häufig verwendete moderate Grundzeitmaß führt hier und da zu einer gewissen Gleichförmigkeit.
Dem Oratorium liegen Bibeltexte aus den Propheten und den Psalmen im Alten Testament zugrunde. Helm hat sie selbst zusammengestellt: Vor allem die Einfügung der unmissverständlichen Warnung Jesajas „Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt“ im adventlich hoffnungsvollen Finale hat einen aufrüttelnden Bezug zur Gegenwart.
Universitätschor und Universitätsorchester bewältigten ihre Aufgaben nicht immer unfallfrei, aber mit großem Engagement und beachtlicher Ausdrucksstärke. Von den drei Gesangssolisten konnte vor allem der junge Bassist Hinrich Horn mit seinem schönen Timbre und seiner ausgefeilten Artikulation überzeugen. Bei Helene Niggemeiers hellem Sopran störten leichte Rauigkeiten im Stimmklang und eine bisweilen ungenaue Intonation. Sandra Janke komplettierte das Solistenensemble mit ihrem kontrolliert geführten Alt. Die Zuhörer waren durchaus beeindruckt von dieser Premiere, wie ihr lang anhaltender Applaus zeigte.
Einen Mitschnitt der Uraufführung sendet Stadtradio Göttingen auf der Frequenz 107,1 am Donnerstag, 24. Dezember, um 18 Uhr und am Sonnabend, 26. Dezember, um 11 Uhr.

Von Michael Schäfer

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